Archiv für Januar 2009

Da unten sind sie. Die Werbetafeln…

Neutralität ist Scheiße

In Jena wird gerade heftig über Pressefreiheit und die Aufgaben der Medien diskutiert. Ausschlaggebend war ein Interview mit einem Neonazi, welches die Studentenzeitschrift Unique in ihrer letzten Ausgabe abgedruckt hatte. Nachdem die Linkspartei, die Jenaer Antifagruppe und der Referenten gegen Rechts öffentlich Stellung gegen die Publikation des Interviews bezogen haben, diskutiert nun ganz Jena darüber, ob man nun Nazis ein Interview geben oder ob man überhaupt mit Nazis reden darf. Inzwischen hat Unique das Interview und mehrere Stellungsnahmen von ihrer Homepage entfernt: „Wegen rechtlichen Vorwürfen gegen einige Stellungnahmen und Kommentare bleiben die fraglichen Inhalte bis zur vollständigen Überprüfung vorerst gesperrt.

Trotz des gerechtfertigten Protestes gegen Unique, eine Zeitschrift, die auch ohne das Nazi-Interview seltsam genug gewesen wäre, fehlen meines Erachtens in der Jenaer Diskussion wirklich überzeugende Argumente.

Zunächst wäre festzuhalten, dass oft innerhalb von Antifagruppen und Antifa-Recherche-Teams ein wesentlich genaueres Bild der Ideologie von Neonazis, ihren unterschiedlichen Strukturen und ihrem Wirkungskreis vorhanden ist, als in der sich antifaschistisch wähnenden Mitte, beispielsweise in Bürgerbündnissen oder Aktionsnetzwerken. Gegenseitige Beteuerung von Gewaltfreiheit, der Vorwurf an militante antifaschistische Aktionen, sich der gleichen Mittel wie Neonazis zu bedienen oder der positive Bezug auf den lokalen Standort als Begründung für Protest gegen Nazi-Aufmärsche sprechen dafür, dass Neonazis oft nur als negativer Bezugspunkt, als das „ganz Andere“ zur Vergewisserung der eigenen bürgerlichen Identität dienen, eine tiefgehende und differenzierte Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Problem des Nazismus hingegen aber oft ausbleibt. Dahingehend hat Unique meines Erachtens tatsächlich einen Schritt getan – nämlich Beweggründe und Motive von Neonazis darzustellen. (mehr…)

Gekommen um zu bleiben


24.01.09 Bahnhofsvorplatz, Erfurt

Ist Musik eine Ware wie Fischmehl oder Schrauben?

Ja!

In der aktuellen Ausgabe der Spex weiß der Vorstandsvorsitzende des „Bundesverband Musikindustrie“, Dieter Gorny, Adorno für sich in seinem Kampf für das Urheberrecht zu gebrauchen:

[…] Kunst ist immer eine Leistung von Individuen. Also gehören die Individuen auch entlohnt. Ganz im Sinne Adornos übrigens, der ja ebenfalls gesagt hat, dass die Künstler Individuen sind, die spüren, dass sie die Kunst weitertreiben müssen. […]

Und vorher sagte er:

[…] Es mag also paradox erscheinen, dass Inhalte, die unser gesellschaftliches Leben reflektieren und mitgestalten, auch Wirtschaftsgüter sind. Aber so ist es nun einmal. […]

Naturgesetz eben. Er hat aber nicht nur von Adorno gelernt, sondern auch von der RAF. Einer wird getroffen, alle sind gemeint:

[…] Wichtig jedoch ist, dass die Botschaft [von Gerichtsverfahren gegen Raubkopierer, Anm. ae] ankommt und die lautet: „Tu’s nicht!“ […]

Und zum Schluss:

[…] Da wird die Industrie pauschal kritisiert – und übersehen, dass der Großteil der Industrie aus Mittelstand, gefährdeten Arbeitsplätzen und entgegen aller Vorurteile aus inhaltlicher Vielfalt besteht. Die ganze Debatte ist eine Katastrophe! […]

Das stimmt. Und zwar weil in dieser Debatte keine_r den Kapitalismus abschaffen will.

Aus gegebenem Anlass…

Infos zum Besetzten Haus in Erfurt und zur anstehenden Räumung:
topf.squat.net | Letzter Indymedia-Artikel | Hände weg vom besetzten Haus | Erfurt braucht offene Räume | Wir bleiben Alle | Antifa Supports Topf Squat | Graffiti loves Topf-Squat

„69″ the Movie

Auch wenn es sich nicht um einen Splatterfilm handelt, so könnte mein Wunsch nach verwiefterer Agitation, den ich bereits hier geäußert habe, doch in Erfüllung gehen. Der Film „’69′ the Movie“ klingt zumindest in dieser Beschreibung recht verlockend:

…Kopenhagen ist eine von vielen europäischen Städten, die mitten im Prozess der Stadtumstrukturierung und Säuberung durch Stadtverwaltungen stecken. Der organisierte Widerstand der im Zeitraum der Räumung des Jugendhauses stattfand, brachte den Konflikt auf ein neues Level.

’69′ schildert die letzten 6 Monate in der Geschichte des Jugendhauses, gesehen durch die Augen der Aktivisten. Durch die Zusammenstellung von einzigartigem Filmmaterial von geheimen Meetings, direkten Aktionen, Riots, den Alltag des Jugendhauskollektivs und die Räumung, gefilmt im Haus, portraitiert diese Dokumentation die Spannungen zwischen marginalisiert und radikalisiert werden.

Die Kombination zwischen einem Filmregisseur aus der europäischen DIY/Aktivisten Szene und einer hochfinanzierten Filmproduktion ergibt einen ziemlich kontroversen Mix. Seit der Premiere im Oktober, bekam ’69′ drei Auszeichnungen eines internationalen Filmfestivals für den besten neuen nordischen Regisseur, die beste dänische Dokumentation und einen Audience award..

Eine Hauptfigur und der Regisseur des Filmes sind gerade auf Tour in Deutschland, um den deutschen Linken dieses Machwerk darzubieten, die dann entspannt ihre krawalligen Sehnsüchte auf das nordische Kopenhagen übertragen können. Am kommenden Freitag, also morgen, wird der Film in der Köpi zu sehen sein. Beginn ist 21:00 Uhr. Ich bin gespannt und werde gegebenen Falls berichten.

Informationen zum Jugendhaus in Kopenhagen
:
Ungdomshuset bei Wikipedia | Ungeren Blog | Homepage des Jugendhauses | Besetze deine Stadt! | Jungle-World Artikel

Blutgeil

Zum Jahreswechsel Polizeigewalt in Leipzig, Weimar und Rostock, ein Mensch von Polizisten erschossen in Berlin. Diese Ereignisse lassen mich an ein Filmprojekt denken, welches in der Schweiz unter dem Eindruck massiver Polizeigewalt entstand. Zufällig stieß ich darauf, als ich mit einem Freund in ein Gespräch über die Kulturgeschichte von Pfefferspray und Tränen-Gas vertieft war und wir hierzu Details im Internet suchten.

Der Film Blutgeil wurde von Züricher Hausbesetzer_innen gedreht, zu einem Zeitpunkt als sich die Repression gegen die squatter immer weiter erhöhte und es immer wieder Räumungen und Straßenschlachten in der Schweizer Hauptstadt gegeben hatte. Der Splatter-Film zeigt zunächst blutige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einer Drogenbande. Schließlich will die Polizei dann auch in ein besetztes Haus eindringen, wo sich das Schicksal jedoch wendet: Die Hausbesetzer_innen misshandeln die Polizisten und essen sie schließlich auf.

Wie beabsichtigt erregte der Film einen Skandal und es wurde eine öffentliche Debatte über Gewalt, Polizeigewalt, Darstellung von Gewalt und Zensur geführt. Der Film wurde schließlich verboten und die Filmemacher_innen mussten eine Geldstrafe abtreten. Einer der Künstler, der sich sympathisch Seelenlos nennt, weigerte sich diese zu bezahlen und wurde daher zu einer Haftstrafe verurteilt, die er mit einer spektakulären Inszenierung antrat:

Nachdem Seelenlos also hingerichtet worden war, trat er all seiner Kleidung beraubt und blutüberströmt die Haftstrafe an. Die ganze Zeit während der Haftstrafe inszenierte er als Performance, dokumentierte diese und setzte somit seine eigene Verurteilung in den Kontext der Geschichte von Blutgeil. Schade, dass das Splatter-Genre in den Hausbesetzer-Kreisen kein Mittel mehr ist und immer mehr verbissen und humorlos auf die Repression reagiert wird. Angesichts immer größerer Einschränkung und Marginalisierung von linken Projekten und Räumen oder gar angesichts der Toten, sind Ernst und Wut sehr verständlich – leider führt sich die Linke dabei aber allzuoft selber vor. In jene Rolle des Vorgeführten sollte der Staat gedrängt werden – wie es dem Gesamtkunstwerk Blutgeil gelungen ist.

Informationen zum Film und Projekt Blutgeil
Offizielle Homepage | Blutgeil bei Wikipedia | Rezension bei IMD