Anti-Tisch-Pong

Es begann mit einem gewöhnlichen Tischtennis-Spiel (chinesisch).1 Wir hatten die Regel, dass keiner rausfliegen kann. Als wir eine Weile spielten, gerieten wir in eine gewisse Routine und die ständige Kreisbewegung löste eine gewisse Betäubung aus. Daher sagten wir uns irgendwann, dass es sinvoll wäre die Richtung zu ändern und andersherum um den Tisch zu spielen, damit der Dreh rausgeht. Der Effekt war verwirrend: Im ersten Moment wusste nun keiner mehr, in welche Richtung er laufen sollte. Dies brachte uns derart zum Lachen, dass wir uns überlegten, bei jedem Fehlschlag die Richtung zu wechseln. Der Effekt bereitete erst Verwirrung, bis sich alle auf den nötigen Grad an Konzentration und Aufmerksamkeit eingelassen hatten und das Ganze somit Freude bereitete.

Als nächstes fragte jemand: Wollen wir nicht Ping-Pong2 spielen? Also spielten wir Ping Pong: Zur Eingewöhnung vorerst nur in eine Richtung. Als es relativ flüssig lief, entschieden wir uns wieder bei jedem Fehlschlag die Richtung zu wechseln, wofür wir wieder eine gewisse Zeit der Eingewöhnung benötigten. Nun war der Hunger nach mehr gewachsen und wir entschieden uns nach jedem Fehlschlag die Spielart zu wechseln: Spielten wir Ping-Pong und der Ball landete verkehrt, mussten wir zu Tischtennis wechseln und umgekehrt. Auch diesmal spielten wir zur Eingewöhnung zunächst nur in eine Richtung. Nach der nötigen Einspielzeit wurde nun nach einem Fehlschlag sowohl die Spielart, als auch die Richtung gewechselt, was eine hohe Stufe der Konzentration erforderte.

Nachdem dies einigermaßen flüssig seine Runden lief, begann ein Freund, ohne dass es einen Fehlschlag gegeben hatte, mitten im Spiel in die andere Richtung zu laufen, was uns zunächst verwirrte. Er erklärte uns, dass er nicht willkürlich die Richtung wechselte, sondern lediglich einen anderen Weg nahm um sich schließlich wieder hinter seine_r Vorgänger_in einzuordnen. An dieser Stelle war die Kreisbewegung und die Richtung des Spiels aufgehoben: Einziges Kriterium war, dass man sich merken musste, nach welcher Person man den Ball annehmen nusste, was bedeutete, dass das Spiel an Übersicht verlor, an Tempo gewann und wiederum ein höheres Maß an Konzentration erforderte.

Was nicht bedeutete, dass keine Steigerung mehr möglich war. Zunächst begann der Wechsel zwischen den Spielarten [vermeintlich] willkürlich zu werden: Nach einem Fehlschlag wurde die Spielart zwar immer noch gewechselt, aber diejenige Person, die den Ball zuletzt berührt hatte, durfte (wenn ihr die Laune danach war) diejenige Spielart festlegen, die anschließend weiter gespielt werden sollte. Außerdem kam eine Spielart hinzu, die wir liebevoll „Direkt“ nannten, was bedeutete, dass der Ballkontakt nicht zwischen Tisch und Kelle wechselte, sondern direkt zwischen den Kellen (wie beim Federball). Das ganze bedeutete also: Das Spiel wechselt nach einem Fehlschlag die Richtung (wobei die Richtung inzwischen egal war, da jeder seinen eigenen Weg wählen durfte) und diejenige Person, die den Ball zuletzt berührt hatte, durfte eine Spielart [von dreien] festlegen

Die nächste Steigerung kam dadurch zustande, dass eine weitere Person den Raum betrat und Lust verspürte in das Spiel einzusteigen. Da wir vorher zu siebt gewesen waren, aber nur sieben Tischtennis-Kellen zur Verfügung standen, mussten wir ein Wechselsystem einführen: Wenn jemand Lust verspürte eine kurze pause zu machen und seine Kelle zu übergeben, dann konnte er seine Kelle derjenigen Person in die Hand geben, die gerade am Rande stand und sozusagen frei war; musste aber (um das Spiel nicht durcheinanderzubringen) den Namen seines Vorgängers rufen. Dies bedeutete, dass diejenige Person, die diejenige Person, die gerade ausgestiegen war, sich zuvor in ihrem Bezugssystem als Vorgänger_in merken musste, sich nun auf eine neue Person konzentrieren musste.

An dieser Stelle wurde mir klar: Das ist die Aufhebung des Tisch-Tennis-Spiels. Falls ihr das nicht verstanden habt und Nachfrage besteht, würde ich versuchen die Spielabläufe zu visualisieren.

  1. Erfahrungen mit dem Spiel und der Veränderung von Spielregeln hatte ich bereits vorher gemacht. Aus meiner Ablehnung vin Gesellschaftsspielen (Brettspiel, Kartenspiel) habe ich inzwischen eine äußerste Zuneigung zum freien Spiel entwickelt und ich hatte durchaus entzückende Erlebnisse beim Verändern und Verkehren von bekannten und allgemein anerkannten Spielregeln. Wenn man Mitmenschen findet, die sich darauf einlassen, dann kann man seinen Horizont auf wundersam zweckfreie Art und Weise erweitern. So geschehen beispielsweise an einem außerordentlich langweiligen Seminar-Abend, an dem ich mich darauf einließ, eine Runde Memory mitzuspielen. Schon nachdem die Karten vermischt waren, verließ mich die Lust und ich legte fest, dass nicht mehr das Ziel sei, zwei gleiche Bildchen zu finden, sondern eine Geschichte zu erzählen, die zwei aufgedeckte unterschiedliche Bilder miteinander verbinden sollte. Das Ergebnis war entzückend. Anschließend spielten wir eine Runde Mensch Aergernis dich, bei dem man nicht seine Gegner schlagen durfte. Wenn man mit seiner Figur auf ein Feld rückte, auf der bereits eine eigene Figur stand, musste man diese auf die Startfelder zurücksetzen. Dabei war man verpflichtet, diese Art von Spielzug zu spielen, wenn es möglich war. Die Spieldauer wuchs damit ins Uneremessliche, was den Alkoholpegel steigerte und zur Kreation weiterer neuer Regeln anregte. [zurück]
  2. Zum Unterschied zwischen Tischtennis und Ping-Pong: Beim Tischtennis muss diejenige Person, die den Ball annimmt, den Ball über das Netz spielen, damit der nächste Ballkontakt auf der Tischseite des Gegners stattfindet. Beim Pingpong wird der Kontakt zwischen Ball und Tisch sozusagen verdoppelt: Diejenige Person, die den Ball annimt, muss diesen zunächst auf die eigene Tischseite spielen, damit der Ball anschließend über das Netz fliegt und die gegnerische Tischseite berührt. [zurück]

2 Antworten auf “Anti-Tisch-Pong”


  1. 1 kreischgnom 08. Dezember 2008 um 16:12 Uhr

    …und der Verlierer kriegt mit rotem Lippenstift ein Kreuz auf die Nase gemalt! Das ist dann der rote Peter. *MauMau*

  2. 2 rotkohl 10. Dezember 2008 um 18:06 Uhr

    warum habe ich das gerade gelesen? nein, klingt lustig.

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