Ich würde lachen…

Diesen Text habe ich neulich in einem Hardcore-Punk-Zine von 1988 entdeckt, welches bei mir zu Hause rumflog und ich musste dabei ein wenig schmunzeln:

HATEMAIL
oder: Zwölf gute Gründe, EA80 zu hassen.

Guten Tag liebe Mitpunker, hier spricht weder Armin über Fußball, noch Uncle Lee über bessere Zeiten, sondern Major Ryan. Wie ihr seht, habe ich mein Gewissen nicht von euch blödem Volk kaufen lassen, und ich will euch jetzt mal was sagen, nämlich… (Allgemeines oh und ah!, Gemurmel, Verwirrung)
Ja, da staunt ihr, die Wahrheit, das hat man euch schon lange nicht mehr versprochen!

Nun, ich habe die traurige Mitteilung, daß eure Heilige Kuh beim Schlachten längst schon überfällig ist. Sie muss weg, kapiert, da ist kein Platz mehr für sie. Welche heilige Kuh? Na, tut doch nicht so scheinheilig. Ich rede nicht von Converse, auch nicht von Starving Missle, nicht von Thrasher (falls dieses Teil überhaupt jemand liest, immerhin ist es auf Englisch, einer Sprache, die ihr Blödel eh nicht rafft), nein meine ungeliebten Freunde, ich rede von EA80.

EA80, ja, da geht ein Raunen und Aufstöhnen durch eure Reihen, diese Uraltpunx, diese wundervollen, erfrischend „anderen“ Punker, diese lederjackenlosen Pogo-Westentaschenphilosophen.
Gebt zu, ihr liebt sie, ihr verehrt sie, ihr findet diese Blase toll, stimmts?

Ich nicht.
Aus gutem Grund.


Warum magst du EA80, hä? Vielleicht wegen ihrer Musik, was? Irren-Musik? Psychopathisch? Pah! Ich will dir sagen, was die Musik ist. Die ist weder so schnell, daß man sich dazu einigermaßen flott bewegen kann, außer wenn man ein fett gewordener, langweiliger, konservativer Sack ist und Brutalpogo tanzt, und GBH und Abstürzende Brieftauben toll findet, doch nicht langsam genug, um euch zum anhalten und denken zu bewegen. Eben so schnell, daß auch der größte Idiot im Takt mitwippen kann.

Kein Wunder, daß die Musik nicht schneller ist, denn um ein paar Takte schneller spielen zu können, müsste man nicht unbedingt Können, sondern eine Portion Wagemut besitzen, sich aus der ausgefahrenen Situation zu begeben. Gleiches gilt auch für entschieden langsamere Geschwindigkeit. EA 80 werden ihren Sound wohl weder schneller noch langsamer gestalten, weil sie offensichtlich Angst haben, durch Soundexperimente ihr mühsam erspieltes Publikum zu verlieren. EA80-Hörer sind Gewohnheitstiere, doch das brauche ich euch nicht zu sagen.

Immerhin hat es ja von 1979, als EA 80 ihren ersten Auftritt hatten, bzw von 1980 und ihrem sogenannten „Auftritt“ beim Schmierfest bis vor kurzem gedauert, bis sich überhaupt wer für EA 80 interessierte. Bei diesem harmlosen Gepolter kein Wunder.

Wenn man, wie unsere Mönchengladbacher so lange gebraucht hat, jemanden für sein Getue zu begeistern, ist man für waghalsige Experimente kaum zu haben. Gleiches gilt für den Sound, der weder zu klar noch zu verzerrt ist. Nur nicht auffallen, nur niemand weh tun. Denn EA80 haben was zu verlieren. Ihre Kundschaft. Dich. Die Musik ist so schlicht und ähnlich, wie auch die Anhänger im Grunde schlichte und ähnliche Gemüter sind. Und die Musik von EA80 ist vor allem eines: Konservativ.

Ist dir nie aufgefallen, daß EA80Anhänger alles, aber auch wirklich ALLES von EA80 geil finden. Und warum? Doch nicht weil es so geil ist – keineswegs. Nein, weil alles so verdammt gleich klingt.

Sicher, man müht sich redlich, im gewissen Rahmen etwas anders zu klingen, aber doch bitte nicht ungewohnt, doch bitte nicht etwa neu, gottbewahre. Novitäten wollen EA80 genausowenig wie UK Subs oder AC/DC liefern, wo kämen wir denn da hin. Nein, es gilt immer hübsch die ausgefahrenen Wege, um bei blumigen Vergleichen zu bleiben, mit immer neuen Vehikeln zu befahren. Mein Gott wie langweilig.

Mit dem Stichwort LANGWEILIG wären wir auch gleich beim typischen EA80 Gig. Der Soundcheck wird von Junge, der eine Art Sänger ist, mit den Worten „Ich habe Angst“ bestritten. Sagt er die Wahrheit? Hat er Angst? Warum steigt er dann auf die Bühne? Es wird ihn doch wohl keiner dazu zwingen? Oder lügt Junge dich und mich an? Willer uns nur verkohlen, etwas Mitleid erheischen, damit wir dem „verängstigten“ Typen mehr Applaus schenken und in irgend einer Form Nachsicht üben. Vielleicht will er zeigen, daß er auch nur ein Mensch ist, was ich ihm gerne glauben will. Wohl gehört dieser Soundcheck zur EA80-Show, einem ausgeklügelten Reigen an albernen Bewegungsphrasen, und vor allem heillosen Wischiwaschi-Allgemeinplätzen, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann, und das deshalb jeder verdammt persönlich findet. Wie können 500 oder mehr Leute alle das gleiche „persönlich“ finden? Eben. Nur nicht auf der Bühne abrocken, nur möglichst alle Pose vermeiden, denn, oh Gott, das Publikum könnte es übel nehmen. Und so stehen die Niederrhein-Punker da oben vor den Leuten, und bemühen sich, irgendwie was besonderes zu sein. Vom Publikum wird es meist leicht gemacht. Selten so einen anspruchslosen Mob gesehen. Sie tanzen, singen mit wie bei Ramones 77 oder halten sich gegenseitig im Arm. Aber nur in Maßen, nie etwa zuviel oder zu wenig. Wie ekelhaft, diese jungen Leute sind vernünftig. Vernünftig wie ihre Eltern, abgebrüht. ausgelernt. Toll, vielen Dank. Ich kann diese spiritlosen Roboter noch immer nicht leiden. Sie singen über das Leben, als ob sies schon hinter sich haben.

Mitunter wird das Benehmen der Band doch etwas rüpelhaft. Ich erinnere mich da an einen Gig, als Junge erst am Shirt auf die Bühne gezerrt werden musste, bevor diese Typen endlich ne Zugabe gaben. Den Leuten, die zu EA80-Gigs kommen, scheint das jedoch gar nichts auszumachen. Sie lassen sich von EA80 gerne beeindrucken, von den an den Tag gelegten EA80-Verhaltensprinzipien (Immer hübsch moderat) mitreißen. Oh, wie erfahren und weltmännisch. Sind EA80 sowas wie die musikalische Version eines Großen Bruders für Realschulpunx? Vielen Dank, das ist nichts für mich.

Aber Leute auf EA80-Konzerten kommen auch hauptsächlich, weil sie die Texte so schätzen. Oh ja, es gibt tatsächlich eine Menge armer Leuchter, die die Texte von EA80 mögen. Warum sind die immer so kurz, hä? Vielleicht, damit sichs auch der dööfste Anhänger merken und mitsingen kann. Bestimmt sogar.

Aber ihr habt euch doch sicher schon gefragt, woher der Texter immer nur diese genialen Ideen nimmt, was? Nunh er nimmt sie, z.B bei „Dr. Murks gesammeltes Schweigen“ von dem kürzlich verstorbenen Heinrich Böll. Tote können sich nicht wehren. Überhaupt scheint dieser Sänger da, eine ähnliche Auswahl an Büchern zu besitzen wie ich … was sich auch in der Plattensammlung fortsetzt. Wer kennt nicht das tolle „Drumms over London“ von EA80? Geil, gell? Mir persönlich ist die ORIGINALVERSION von den DiscoZombies wesentlich lieber, weil deren Sänger nicht so lächerlich klingt, sondern wirklich verzweifelt. Noch mehr Beispiele gefällig?

Aber eigentlich spielt das ja gar keine Rolle, denn verstehen kann diese Texte, eine heillose Ansammlung ärgerlicher Metaphern und Hip-Alpträume, ja doch keiner. Und wenn die Texte doch mal verständlich sind, was hin und wieder vorkommt, sind sie ärgerlich. „Nils und die Frauen“, der Hohn an Sexismus. „Revolution“, ein Aufruf, KEINE Veränderung mitzumachen.

Ein Tag am Fenster“, was für eine erbärmliche Kapitulation vor dem Leben. Ihr könnt sagen was ihr wollt, aber mit so nem tristen, flauen Gejammer werde ich nicht glücklich. Diese Lyriken mögen Hippiepunkmädchen vom Land vielleicht gut finden, ich nicht.

Aber haben es diese Typen nicht etwa auf Hippiepunkmädchen abgesehen? Wohl kaum. Wenn du dir diese Biedermännchen ansiehst, fällt dir die kaum kaschierte Geschlechtslosigkeit auf. EA80 haben so viel Sex und Gefühl wie ein Waschlappen. Bei solchen Amusementsverweigerern und Lebensverneinern, Txpen die ein Glas Wein wegen der geistvollen Unterhaltung schätzen, läufts mir kalt den Rücken runter.

Überhaupt, die haben alles außer Schwächen. Halt, so sollte man es nicht sagen, sie haben ne Menge Schwächen, aber sie gehen so gut in Vorwärtsverteidigung, machen sich selbst so gründlich schlecht, erzählen von ihren Verfehlungen („1977 waren wir zu Hause“ – Das ist Öl im Getriebe der Hörer und Käufer, die nämlich selber 1977 zu Hause waren) und Peinlichkeiten, so daß ihnen keiner was übel nehmen kann. Doch gerade das nehm ich ihnen übel. Ja sagt mal, ihr ernsten jungen Männer von EA80, könnt ihr denn nur ganz vernünftig oder ganz unvernünftig sein? Gibt es denn wirklich nur eure ungesunde Mitte? Warum müsst ihr verdammt nochmal immer so tun, als seid ihr gerade hinzugestoßen? Dieser sakrale Singsang, den ihr zu eurem Markenzeichen gemacht habt, das mag ein paar Suizidwavemädels beeindrucken, oder Gymnasiasten mit Versetzungsproblemen, oder grad noch liebesbekümmerte Seifenköppe, aber mich nicht. Gefühl, hat man mir mal an den Kopf geknallt, wolltet ihr damit zeigen. Ach ja? Wo denn? Immer in der selben Tonlage? In diesem tristen Bass? Und wo soll das Gefühl denn herkommen? Habe ich ne taube Birne, oder warum fühle ich nur Langeweile, wenn ich euch da tumb musizieren höre und mir euer sakraler Singsang nur ein Gähnen entlockt? Bei Punk, so denke ich, kommt es auf Spontanität an, aber EA80, ihr seit mit zu verdammt berechnend.

Und berechnend, das seid ihr bei Gott. Die Platten in der 500er Auflage, warum? Um sagen zu können, das ist Kult? Diese ewig gleiche Aufmachung, soll das etwas Stil sein, wenn euch nichts mehr einfällt, hä? Warum legt ihr für die armen Teufel die eure Platte nicht haben kriegen können, weil sie eben nicht jeden Monat Kohle für Vinyl überhaben die Scheiben nicht nochmal auf? Ach, halt, habt ihr ja. In 200er Auflage. Die ist, weil mit Extra, noch schneller weg, toll, tausend Dank. Die, die die Kohle haben, haben jetzt die seltene und die noch seltenere, und die beim ersten mal zu spät kamen, werdens bei der zweiten Auflage auch schwer schaffen.

Ihr seid, für meine Augen, zu berechnend, zu kühl, zu wenig Mensch, zu feige und vor allem zu konservativ. Tut mir einen Gefallen. Holt nicht die anderen, die ihr zum Teufel geholt habt zurück, schert euch bitte, bitte endlich selber zum Teufel!

Nichtsdestotrotz:


5 Antworten auf “Ich würde lachen…”


  1. 1 xXaftershowXx 04. Dezember 2008 um 14:17 Uhr

    *muhahahahahaha* sehr schön! Es gibt 1000 gute Gründen EA80 emotional abzulehnen! ;)

  2. 2 fitzcarraldo 04. Dezember 2008 um 15:10 Uhr

    20 jahre später: ea80 gibt es immer noch und der artikel hat nichts an relevanz verloren.

  3. 3 Administrator 05. Dezember 2008 um 1:22 Uhr

    stimmt, vor allem weil die immer noch so geschlechtslos sind und es nicht mal auf die hippiepunkmädchen vom lande schaffen…

  4. 4 Harry Krishna 08. Oktober 2011 um 9:23 Uhr

    Lächerlicher Zap-Artikel. Da scheinen wohl eher persönliche Befindnisse eine Rolle gespielt zu haben…

  1. 1 Sinnscheiße zu Sinnscheiße | ärgernis Pingback am 23. Dezember 2008 um 3:45 Uhr
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