Hallo Halle

Ich habe am Wochenende mit einigen Freund:innen am Wochenende einen Ausflug nach Halle unternommen. Ich finde diese Stadt auf eine gewisse Weise beeindruckend und das Wandern durch die Straßen löst in mir ein seltsames Gefühl aus. Ich glaube, dass Halle einen Schnittpunkt zwischen Provinz und Großstadt darstellt – man stößt auf grundlegende Elemente beider Seiten. Auf der einen Seite sich gegenseitig ergänzende „Hochkultur“ und Sub-/Alternativkultur (Theater, Uni, Kneipen, Szene, Radio), auf der anderen Seite die Gewalt der ostdeutschen Provinz (Plattensiedlung, Weihnachtsmarkt, Neonazis).

In einem Bio-Restaurant habe ich einen Flyer für eine sehr interessante Filmreihe entdeckt, die unter anderem von der Antifagruppe an der Uni Halle organisiert wurde:

German Images
Filme zum postfaschistischen Alltag

Als Vertreter der Kritischen Theorie in den 1950er Jahren vor dem Nachleben des Nationalsozialismus warnten, steckte hinter dieser Warnung nicht nur das Wissen darüber, dass der Nationalsozialismus durchaus demokratische Elemente und die Legitimation der Massen besaß. Die Warnung beinhaltete auch die Erkenntnis, dass die nationalsozialistische Ideologie keineswegs mit der vielbeschworenen „Stunde Null“ sang- und klanglos aus den Köpfen der Menschen verschwand. Vielmehr leben ihre Versatzstücke in den Menschen fort.

Die Beispiele für jene Fragmente der deutschen Ideologie sind zahlreich. Es ist hierbei vor allem der scheinbar allgegenwärtige Ruf nach einfachen Verhältnissen, der die Zwänge vermittelter Herrschaft abstreifen und an ihre Stelle die direkte Herrschaft des Mobs setzen will. Da der Staat jedoch auf seiner Souveränität beharrt, offenbart sich die Rohheit und Brutalität der atomisierten Volksgenossen in deutschen Wohnzimmern, Kneipen und auf den Straßen.

Diesen Zuständen widmet sich die Filmreihe. In ihr soll es aber keineswegs darum gehen, die hundertste Dokumentation über Stiefelnazis zu zeigen, um in mahnendem Duktus die Gefahr des sogenannten Rechtsextremismus für die Demokratie anzuprangern. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die nicht nur sich, sondern auch anderen regelmäßig das Leben zur Hölle machen. Die Filmreihe zeigt Dokumentationen, die (oftmals unfreiwillig und in alles anderer als kritischer Absicht) die Widerwärtigkeiten eines Alltags entlarven, in dem Stumpfsinn, Langeweile und Tristesse auf der Tagesordnung stehen. Es werden Menschen gezeigt, die die Schuld am Elend nicht in den Verhältnissen suchen, die es tagtäglich hervorbringen. Es geht um Jene, die sich stattdessen im Elend häuslich eingerichtet und mit der vermeintlichen Unüberwindbarkeit dieser Verhältnisse schon längst abgefunden haben.

In dieser Reihe: Herr Wichmann von der CDU | Bellaria | Stau

Mehr Infos: http://www.kinolabim.de | http://antifa.uni-halle.de/

Auf der Rückreise sind wir mit den Fahrrädern an der Saale von Halle bis nach Merseburg gefahren um dort in den Zug zu steigen. In Merseburg schlug die andere Seite wieder krachend ins Gehirn. Grau, kaputt, trostlos. Ich wurde Zeuge eines Relikts aus vergangenen Zeiten: Hier dient die Bahnhofshalle noch als Treffpunkt der allgemeinen Jugend.


2 Antworten auf “Hallo Halle”


  1. 1 sauerkraut 20. November 2008 um 17:08 Uhr

    ich kenn halle nur aus gruselmärchen und den schlachtgesängen magdeburger fussballfans:
    „Alle-Alle-Alle gegen halle!“

  2. 2 Administrator 21. November 2008 um 15:10 Uhr

    Es gibt ein Lied von der Gruppe „206“, die aus Halle kommt, da ist die erste Zeile „Hallo Hölle, das hier ist die Stadt der Sünde…“, vielleicht ist es auf Halle bezogen…

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