Trampen und Campen #2

Als wir also am Dienstag auf dem Camp angekommen waren und ersteinmal unseren geschundenen Körpern ein wenig Ruhe gegönnt hatten, nahmen wir etwas zu Essen zu uns und beschäftigten uns dann etwas mit dem Camp. Einen kleinen Text wie sich das Camp selbstversteht gibt es hier. Auf einer Infowand die auf dem Gelände, welches aus 5 Camping-Wiesen und zwei Gebäuden (1.: Küche, Kino, Toiletten, Chillraum und 2.: Computerraum, Reflexionsraum) besteht, zentral zu finden ist gibt es einen ausführlicheren Text wie das Camp funktionieren soll. Das eigenartige ist daran, dass diese Infowand das einzige offizielle Kommunikationsmittel ist; es gibt kein Plenum – alles wird über diese Infowand geregelt.

Die Diskussion darüber, ob ein Plenum nicht sinnvoller wäre, wenn es darum geht gemeinsam bewusst Entscheidungen zu treffen, als wenn alles „einfach so passiert“, brachte uns dann in Kontakt mit den ersten Leuten. Insgesamt gibt es hier eine sehr nette Gesprächskultur. Auf diese wird jedoch durch einige Dinge ein Schatten geworfen, der mir einige Vorurteile bestätigt, die ich gegenüber einer sich als anarchistisch verstehenden Bewegung habe. Doch dazu später mehr – an jenem Dienstag Abend war mein erster Wiederwille zunächst einmal dem Gefühl gewichen, dass sich dieses Camp lohnen könnte…

Die erste Veranstaltung an der wir teilnahmen war ein Bericht über den Ablauf der Proteste gegen den G8-Gipfel in Japan von einem Anarcho, der schon seit längerer Zeit Kontakt zu linksradikalen Aktivist_innen in Japan hat. Unabhängig von einer Kritik an der No-Global-Bewegung war es sehr interessant wie es mit der radikalen Linken in Japan steht und wie dort die Polizei mit Demonstrationen und Protest umgeht und wie hier Repression stattfindet. Es lohnt sich damit auseinanderzusetzen.

Am späteren Abend beteiligten wir uns an einer spontanen Kochaktion und gerieten über der Schnippelei in einige interessante, aber auch anstrengende Diskussionen. Dabei lernten wir Leute aus Wien, aus dem Ruhrpott und aus Dresden kennen. So war es nun schon überraschend genung für mich, dass nicht wenig Leute aus Deutschland den Weg hierher verloren haben – ich traf am selben Abend sogar Leute aus Bukarest, die ich schon auf der Rumänien-Tour mit meiner Band kennengelernt hatte. Nach diesen anregenden Gesprächen und Diskussionen ließen wir uns dann, noch immer von der Reise erschöpft, in unsere Schlafsäcke plumpsen. Da es zu diesem Zeitpunkt ziemlich geregnet hatte, wünschte ich mir, bevor ich einschlief, dass ich morgen bitte von der Hitze der Sonne geweckt werden wollte.

Dieser Wunsch ging dann am nächsten Morgen (also am Mittwoch) auch in Erfüllung – das Zelt war so voll Hitze aufgeladen, dass ich es keinen Moment länger darin aushielt. Ich schälte mich dann aus dem Schlafsack, stieg aus dem Zelt und legte mich in die Wiese um noch ein wenig zu dösen. Ich wachte dann wieder auf als es auf mich draufregenete und sich der Himmel wieder komplett in Grau gekleidet hatte. Dieser nicht sehr angenehme Wetterzustand hat sich bis jetzt gehalten und es ist keine Änderung in Sicht.

Nicht nach einem Anarcho-Frühstück (türkischer Kaffee mit selbstgedrehter Zigarette), sondern nach einer selbstverwalteten Morgen-Mahlzeit schnorpselten wir zu einem Workshop, von dem wir noch nicht wussten, dass er eine neue Leidenschaft in uns entfachen würde. Ein Workshop zum Action-Climbing. Wir betraten zu dritt die Wiese auf der wir diese Veranstaltung verortet hatten und sahen zunächst einmal nichts. Bis wir unsere Blicke nach oben richteten und zwei Gestalten an Seilen in den Bäumen baumeln sahen. Die erklärten uns dann, dass sie noch irgendso ein Spezialseil festmachen müssten und dass sie dann gleich anfangen könnten. Wir beobachteten sie, wie sie an verschiedenen komplizierten Knoten herumzogen und dann stiegen sie herunter und begannen uns einen kleinen Einblick in die Kunst des Action-Climbings zu geben. Zuerst begannen wir mit dem Taping, was bedeutet, dass man mit zwei zu Schlinge geformten Bändern, an denen man sich mit einem Karabiner sichert, einen Baum hochklettert. Und das ist wirklich toll, denn damit kann man echt überall hoch! Mit dieser neu erlernten Fähigkeit fühle ich mich wie ein Bauminsekt, das alle Höhen der Flora bezwingen kann.
Den Namen der zweiten Disziplin habe ich vergessen, aber das hat noch mehr Spaß gemacht, weil es mit viel weniger Anstrengung verbunden ist: Man hat zwei kleine Seilchen, die mit einem Spezialknoten verbunden sind, der fest wird wenn man ihn belastet. In das eine Seilchen steckte man seinen Fuß und mit dem anderen sichert man sich mit einem Karabiner an seinem Klettergurt. Man belastet dann immer abwechselnd die beiden Seile und zieht das Nichtbelastete einen Stück hoch. Auf diese Art und Weise habe ich mich dann in einer unerträglichenglaublichen Leichtigkeit hochgezogen, bin dann in 15 Metern Höhe über ein Seil gelaufen, habe mich dann da ein wenig baumeln lassen und mich dann mit einer speziellen Technik wieder abgeseilt. Und diese ganze Prozedur hat so doll Spaß gemacht, dass ich mir vorgenommen habe, gleich wenn ich wieder zu Hause bin, für einen Klettergurt und Kletterzubehör zu sparen. Ich werde mir vornehmen mal in 30 Metern Höhe ein Buch zu lesen, weil ich glaube, dass man sich da viel besser konzentrieren kann. Vielleicht schreibe ich auch eines.

Nach dem Action Climbing (das ja eigentlich dazu gedacht ist Bullen an der Nase herumzuführen und Bäume vor der Fällung zu beschützen und nicht um Bücher zu lesen), habe ich einen kleinen Mittagsschlaf gemacht und danach gab’s Abendbrot und einen Film. Wir haben „Raspberry Reich“ von Bruce la Bruce geguckt. Mir ist wieder bewusst geworden was für ein cooler Film das ist und wie dufte ich diesen Bruce finde, aber ich hatte auch das Gefühl, dass die wenigsten verstanden haben, dass dieser Film die ältere und jüngere Neue Linke gnadenlos aufs Korn nimmt. In meiner Stadt haben Leute, nachdem sie diesen Film gesehen haben „Make Revolutionary Love“ an eine Wand gesprüht. Das hatte mir ge(Wilhelm)reicht, also habe ich nach dem Streifen kein Gespräch gesucht, sondern mir in der Disko zu Gabba-Gewummer interessante Animations-Filme angeguckt, die leider nur nebenbei liefen. Dann hab ich mich wieder in den Schlafsack gelegt und mir im Gegensatz zum Vortag nicht nur gewünscht, dass ich am nächsten Morgen von der Sonne geweckt werde, sondern auch, dass die Sonne dann den ganzen Tag da bleibt.

Es hat nicht geklappt das Wetter mit meinen Wünschen auszutrixen – ich wurde wieder von der Sonnenhitze geweckt, die war aber diesmal schon wieder weg als ich gerade aus dem Zelt herausgestiegen bin. Nun yeah – nach einer sinnlosen Mobi-Veranstaltung für den 13. Februar in Dresden („Wir haben kein Bock, dass die Antideutschen auf ihrer Demo in ihren Redebeiträgen alle Deutschen als Nazis beschimpfen und damit mögliches Potential von der Anreise abschrecken, deswegen machen wir dieses mal unsere eigene anarchistische Demo…“), sollte diese Veranstaltung stattfinden, die mich dazu gereizt hatte hier herzukommen.

Ein Freund hatte mich auf dieses Camp aufmerksam gemacht und mich darauf hingewiesen, dass es eine Veranstaltung geben würde unter dem Titel „Einführung in die Wert(abspaltungs)kritik.‭ ‬Oder:‭ ‬warum wir Marx heute‭ ‬(wieder‭) ‬mehr brauchen als Bakunin“. Ich hatte schon mehrmals davon gehört, dass es in der anarchistischen Bewegung neue Impulse gibt, die auch in eine wertkritische Richtung tendieren und anscheinend auch eine progressive Aktualisierung bedeuten (dazu auch dieses Buch, das ich noch nicht gelesen hab, was ich aber gerne noch tun würde). Aber gerade weil ich doch ziemlich wenig über diese neuen Impulse weiß, habe ich mich entschlossen hier her zu fahren und mir das ganze mal anzusehen.

Heute, am Donnerstag, gab es hier also eine kleine Einführung in die Wert(abspaltungs)kritik. Der Vortrag war, wenn auch für mich nix neues, ziemlich gut und für eine Einführung alle mal geeignet. Das seltsame war, dass die ReferentInnen in ihrer Einführung eigentlich andauernd implizit mit Verwirrungen der traditionellen AnarchistInnen aufräumten, aber dennoch immer wieder aus der Perspektive von AnarchistInnen sprachen. Leider kamen sie nicht dazu direkt auf den Anarchismus oder, wie angekündigt, auf Bakunin einzugehen. Dafür gab es allerlei Zwischenrufe, die meinen anfänglichen Widerwillen wieder erweckten. Da war die Rede davon, dass der Mehrwert der Wille zur Macht sei, dass der wertkritische Marxismus eine Praxis verhindern wolle, die doch möglich sein muss, dass die Wertkritik eine Pseudokritik sei, die einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse verhindern wolle und sowieso nix mit den konkreten Tatsachen zu tun habe, usw…
Der Vortrag endete dann in einer kleinen aber feinen Haupt-/Nebenwiderspruchs-Diskussion, die wiederum in einem Rassismus-Vorwurf endete, was zur Folge hatte, dass eine Person in rasender Wut den Raum verließ und eine andere in Tränen ausbrach. Das alles machte mir schlechte Laune, ich kam zu der Überlegung, dass ich dafür nicht unbedingt hier her hätte kommen müssen, ich hatte auf einmal das Gefühl Jede_r hier misstrauen zu müssen, obendrein der ständige Regen und der Matsch und diese ungemötliche nasse Kälte, und das Zelten überhaupt und ähh und ähhh…

Ein bisschen bin ich dann wieder heruntergekommen, denn es gab dann doch Leute die dem Anti-Intelektualismus und den anderen Phrasen widersprachen und aus dem Konflikt entstand dann eine nette Diskussionsrunde über Rassismus, das Weiß-Sein und die Critical-Whiteness-Studies, sodass ich mich dann doch nicht so verlassen fühlte und das Gefühl hatte doch noch etwas aus dieser Veranstaltung gewonnen zu haben.

Jetzt ist es schon ziemlich spät und ich stelle fest, dass ich die beiden anderen Süßen schon ziemlich lange nicht mehr gesehen habe. Ich werde mir jetzt a Tschick ansteckn und ein Bier knacken und dann mal nach den anderen suchen. Ich weiß nicht ob ich morgen schreibe, denn ich zweifele daran, dass sich jemand ernsthaft daran machen wird, diesen ganzen Erlebnisbericht hier durchzulesen. Als Bilanz kann ich nur phex beipflichten.


10 Antworten auf “Trampen und Campen #2”


  1. 1 a-camp-teilnehmer 24. Juli 2008 um 23:49 Uhr

    also zuerst mal finde ich das camp erste sahne,weil es einfach funst: klar ist es nicht das politischte und best organisierteste camp das ich je besucht hab aber hir geschieht alles aus freiem willen -anarchistisch. Das heißt es gibt keinen der sagt tu dies oder tu das, oder das muss so gemacht oder so… fast alles basiert auf eigener motivation…hirachielos, und so ist das camp ein riesengroßer spielwiesen-freiraum mit nem haufen lieben leuten die zusammen etwas außerordentliches in dieser gesellschaft schaffen!
    und neben bei, du hast just seine phenomenale staudamm akton vergessen (für alle die nicht dabei waren: vor dem kletterworkshop hat sich just ordentilich ins zeug gelegt und und versucht in einen 20 cm breiten ‚‘fluss'‘ n staudamm zu setzten…… und er hat kläglich versagt^^

    liebe grüße an alle da graußen

  2. 2 aergernis 25. Juli 2008 um 1:13 Uhr

    nee, ja, alles in allem doch eine positive bilanz.

  3. 3 andere a-camp-teilnehmer 25. Juli 2008 um 1:56 Uhr

    Hier werden ja schon wieder irgendwelche fälschlichen Theorien über mich verbreitet, die ich einfach nich auf mir sitzen lassen kann!
    Also um das mal klar zuatellen:
    Ich Hab NICHT kläglich beim Staudammbaun versagt! Der wasser spiegel war bestimmt 7 cm höher als vorher und der Fluss (Bach- was für eine Erniedrigung diese armen Wasserlaufes) war mindesten einen halben Meter breit!

  4. 4 anderer a-camp-teilnehmer 25. Juli 2008 um 2:50 Uhr

    Also im Gegensatz zu der Mugge die hier Abends in der Disse läuft hat echt der schlimmste antideutsche Pop-Antifa nen besseren Musikgeschmack!
    Das Repertoire reicht vom übelsten Proll-Techno über die schlimmsten Pop-Klassiker bis hin zu Gabba!
    Dabei will ich doch einfach nur geilen Electro hören und ein bissel dancen! Issn das nur so schwer?

  5. 5 scheckkartenpunk 25. Juli 2008 um 11:36 Uhr

    wer zu gabba nicht tanzen will, der soll zu elektro schweigen.

  6. 6 anderer a-camp-teilnehmer 25. Juli 2008 um 15:14 Uhr

    Ich schweig sowiso beim tanzen!

  7. 7 schildkroete 26. Juli 2008 um 14:01 Uhr

    scheinen ja doch ne ganze menge leute zu lesen, deinen bericht, hab ich auch gemacht und für gut befunden.
    aber komm mir nich als anarcho wieder, der sich über flusshöhen den kopf zerbricht…

  8. 8 Administrator 27. Juli 2008 um 8:01 Uhr

    zu spät…

  9. 9 shlomo 04. August 2008 um 22:04 Uhr

    sehr interessanter und informativer text :) deiner einschätzung von kann ich mich auf jeden fall auch anschließen, wobei labruce die linke nícht nur aufs korn nimmt, sondern sie zum teil auch so darstellt, wie sie war, bzw. immer noch ist (in der bürgerlichen existenz enden, intifada als befreiung verstehen).

  10. 10 shlomo 04. August 2008 um 22:06 Uhr

    nach dem „deiner einschätzung von“ fehlt noch das hier: „the rasperry reich“

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