Trampen und Campen #1

Da das Junge Linke Camp nun leider schon voll ist und sich niemand für meine Idee der Fahrradtour begeistern konnte, hat man mich nun hier her gebracht:

Dieses anarchistische Sommercamp befindet sich in der Nähe von Kautzen, einem kleinen österreichischen Kaff an der tschechischen Grenze. Vorgestern (Montag) sind wir zu dritt aus unserer Kulturkurstadt losgetrampt und wurden zu erst ein ganzes Stück bis nach Dresden mitgenommen. Von dort hat uns dann jemand bis kurz vor die tschechische Grenze nach Bad Schandau gefahren, von wo wir dann das Vortbewegungsmittel des Zuges genutzt haben. In der ersten tschechischen Stadt, wo wir uns ein sehr preiswetes Zugticket für die Fahrt durch Tschechien gekauft haben, trafen wir auf drei Punks, die weder englisch noch deutsch sprechen konnten, mit denen wir uns aber trotzdem herzlich unterhalten haben und die uns dazu überreden wollten ihnen ganz viel Alkohol zu kaufen. In Tschechien ist es noch möglich leidenschaftlich Zug zu fahren – es gibt Abteile, in denen man die Sitzbänke zu Betten umbauen kann. Aber es ist auch relativ schwer sich zurechtzufinden wenn man der tschechischen Sprache nicht mächtig ist – ob am Schalter um nach einer Zugverbindung zu fragen oder um an der richtigen Station auszusteigen (wenn es überhaupt Ansagen über den nächsten Halteort gibt). Und so geschah es, dass wir mehrmals am falschen Ort ausgestiegen sind, sodass wir einmal rennen mussten um unseren Anschlusszug zu bekommen (wobei ich mein Handy verloren habe – war ja auch mal wieder Zeit) und dass wir ein anderes mal unfreiwillig mehrere Stunden Aufenthalt in einem Dorf mit drei Häusern und einer Fabrik hatten. Hier gab es glücklicherweise einen netten Weichensteller, der uns eine neu Verbindung heraussuchte und uns sogar das Licht in der Bahnhofshalle (ein kleines Zimmer mit Tischen und Bänken) ausmachte, damit wir schlafen konnten. Aber mal ehrlich – es war so wunderschön im Zug durch ganz Tschechien hindurchzufahren, ein Abteil für sich zu haben und die Landschaft vorbeifahren zu sehen; die riesigen Felder und leeren Flächen; die düster-romantisch anmutende Industriebrache; teilweise groß gebaute Städte, aber vor Allem kleine Dörfer, die bei ihrem Anblick, einer grauen Tristesse, eine seltsame Stimmung hervorrufen – und alles das bei Nacht. Und es war seltsam nur so kurz in Prag zu sein – eine dreiviertel Stunde vor dem Bahnhof, wobei ich mich allzugerne in die prager Nacht gestürzt hätte. In Prag verabschiedeten wir uns von einem Engländer und einem Deutschen, die wir beim rennenden Umsteigen kennengelernt hatten und die uns eine grüße Free-Techno-Party in der Slowakei empfohlen hatten. Die ganze Fahrt über hat meine Unterlippe geschmerzt, was mich an eine der letzten Nächte denken ließ, in der ich sturzbetrunken mit ein paar Freunden zu einem Zirkus-Camp in meiner Stadt gedüst bin, wobei ich mir die Unterlippe von innen aufgeschlagen habe. Und ein Gefühl der Ungewissheit, was einen bei solch einem anarchistischen Camp erwartet…

Schließlich kamen wir mit einer kleinen Tuckelbahn (eigentlich ein Güterzug, in dem sich auch ein Personenwagen befand), die ca. 30 km/h durch die Landschaft tuckelte an das letzte Dorf mit Bahnhof vor der österreichischen Grenze. In diesem Dorf (oder war es doch eine Stadt?) fanden wir eine Tourist-Information, wo uns eine nette Frau erklärte in welche Richtung wir weitertrampen mussten (nach Kautzen gibt es keine Zugverbindung). Hier nahm uns dann auch das erste Auto mit und brachte uns ein Stück über die Grenze und setzte uns an einer Kreuzung ab, deren Abbiegung direkt nach Kautzen führte. Und da überkahm uns ein kleiner Freudentaumel, denn obwohl wir etwas fertig waren, da wir in der Nacht kaum geschlafen hatten, waren wir froh, dass wir es so problemlos bis hierher geschafft hatten. Doch nun begann der anstrengendste Teil der Reise. Da an dieser Straße relativ wenig Autos fuhren, beschlossen wir während des Trampens schon loszulaufen – mit hardcoreschweren Kraxen auf dem Rücken. Bis Kautzen waren es ca. 15 km – und es nahm uns keiner mit. Wir mussten die ganze Strecke laufen. Nach einer Zeit taten meine Schultern so weh, was einem Gefühl gleichkam als würde jemand kontinuierlich auf meine Schultern einschlagen. Zu allem Unglück begann es dann noch zu regnen – und weit und breit keine Möglichkeit sich unterzustellen. Mit mehreren Pausen und einer kleinen Kochaktion (Tüten-Tomaten Suppe + Nudeln reingekippt) kamen wir dann nach drei Stunden in Kautzen an, wo wir die Adresse suchten – und dann feststellen mussten, dass sich das Camp noch einige Kilometer außerhalb von Kautzen befindet. Aber dann – waren wir endlich da. Wir meldeten uns an und checkten uns ein, bauten unser Zelt auf und schliefen erst einmal ein paar Stunden, bevor wir das Leben auf diesem Camp erforschten und ersten Kontakt und Gespräche suchten…

Das war gestern. Morgen werde ich schreiben was mich/uns dazu bewegt hat zu diesem Camp zu fahren und wie es hier so ist.


2 Antworten auf “Trampen und Campen #1”


  1. 1 Etta 23. Juli 2008 um 22:36 Uhr

    klingt ja nach ner erlebnisreichen anfahrt. :) freu mich, dass ihr gut angekommen seid. bin gespannt, was ihr vom camp erzählen werdet. wie zum teufel seid ihr denn da ans internet gekommen? grüß alle lieb :) die neidische in der kulturkurstadt hängengebliebene ;)

  2. 2 phex 24. Juli 2008 um 12:12 Uhr

    freu mich auf den nächsten Bericht. war einmal aufm A-Camp in D-Land bei der Burg Luther… war ein bischen chaotisch und die Veranstaltungen waren im großen eher schlecht aber hatte doch alles einen gewissen charme. :)

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