2 x Umherschweifen pro Quadratmeter

Diese Zeitschrift scheint die von den Situationisten begründete Psychogeografie und den Unitären Urbanismus auf hohem wissenschaftlichen Niveau und ohne nostalgische Hampeleien oder prosituationistische Romanzen fortzusetzen. Aus dem Impressum:

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung erscheint seit Sommer 2000 vierteljährlich in Wien und versteht sich als interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung. Die behandelten Felder reichen von Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Raumordnung und Bildender Kunst bis zu Geographie, Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften und Philosophie. Thematisiert werden globale Problemstellungen, die im lokalen Rahmen behandelt werden und Aufschlüsse über die gegenwärtige Stadtentwicklung geben sollen.

Gefunden habe ich die Zeitschrift (dérive=franz. umherschweifen), als ich auf einer Bücherladentour durch Berlin auf das pro qm stieß, ein Buchladen zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst & Theorie, der alles Moderne von Relevanz gesammelt zu haben scheint, seien es Zeitschriften, Bücher und Magazine, seien es Musik und Design. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte dort unbedingt mal vorbeischauen (Almstadtstrasse 48-50, geöffnet: Montag – Freitag 12-20 Uhr, Samstag 12-18 Uhr).

Aus der taz Berlin (lokal Nr. 8195 vom 7.2.2007, Seite 25) zum pro qm:

Almstadtstraße am Sonntagabend in unserer Möchtegernmetropole – leise, lichtarm, leergefegt. Die Straße im Scheunenviertel hat noch diesen dörflichen Charakter und hält, oberflächlich betrachtet, noch der Gentrifikationsdampfwalzenentwicklung des dritten Jahrtausends stand. Doch plötzlich durchzucken weiße Lichtblitze am Ende der verschlafenen Straße rhythmisch die Dunkelheit. Die umliegenden Hauswände werfen Reflexe. Im Näherkommen dann eine Menschengruppe vor zwei großen Schaufenstern. Ihre Unterkörper verschwinden in den dicken Rauchschwaden eines fleischbeladenen Grills.

Gefeiert wird die Neueröffnung der Buchhandlung Pro qm in den ehemaligen Räumen eines Obdachlosenvereins. Die Grilleinheit auf dem Trottoir gibt nur einen schwachen Vorgeschmack von dem, was einen im Inneren erwartet. Stroboskopblitze zucken durch den proppevollen Laden, ein weißes Lauflicht tanzt über 200 Köpfe. Es duftet nach Grill. Der Laptop-DJ spielt laute Münchner Discomucke von 2006. Sie klingt wie Münchner Discomucke von 1976. Plappernd und dichtgedrängt steht die Menge zwischen deckenhohen weißen Bücherregalen, selig von Rostbratwurstkonsum und gesponsertem Freibier. Es besteht nicht die geringste Chance, das umfangreiche Bücherangebot zu begutachten. Ist ja auch egal, wenn’s dafür jede Menge Szenevolk mit Berlin-90er-Background aus Kunst, Kultur und Musik gibt. In einer dunklen Ecke im hintersten Teil des Ladens kniet Pro-qm-Mitmacher Jesko Fezer und startet die Nebelmaschine. Jetzt verschwinden auch die Leute drinnen in weißen Schwaden. Ich frage: „Jesko, wird das ‚n Club oder ’ne Buchhandlung?“ Er sagt: „Weiß noch nicht.“

Egal ob Club oder Buchladen, die taz gibt’s dort glücklicherweise nicht zu kaufen…


2 Antworten auf “2 x Umherschweifen pro Quadratmeter”


  1. 1 kojack 08. Januar 2008 um 16:51 Uhr

    rischtisch scheiss taz, verräter und angepasste „linke“ :-D

  2. 2 w 18. Januar 2008 um 22:59 Uhr

    ach danke übrigens für den tip mit dem buchladen, war gleich am nächsten tag da und hab mir zwei bücher (dietmar dath – heute ist keine konferenz und kittkritik – deutschlandwunder) abgegriffen. gute sache, trotz mitte.

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