Der verpasste Tag

Neulich bekam ich einen Brief, in einem selbstgebastelten Umschlag aus einem A4-Blatt mit den typischen DDR-Tabellen, die ich so liebe, in dem sich lediglich ein Zettel befand, auf dem mit Schreibmaschine eine Geschichte geschrieben war:

DER VERPASSTE TAG

Ich besorgte mir alles, was ich dazu brauchte. Im Internet bestellte ich mir eine riesige Kiste chinesischer Silvesterböller, einen Trafo konnte ich mir von meinem Onkel borgen, er hatte seit Jahren eine Eisenbahnplatte im Keller, die er nur zu Weihnachten herraus holte. Klebeband kaufte ich mir bei Obi, da gab es ja eh alles. Die restlichen Kabel nahm ich einfach aus der Sterioanlage meiner Eltern oder sonstwoher, alles war perfekt, wenn dann nicht!
„Junge, komm mal schnell!“, rief meine Mutter ganz aufgeregt. „Vater ist vom Stuhl gefallen.“
So ein Mist, dachte ich, gerade jetzt. „Ich komme gleich!“, rief ich in die Küche. Ich bekam aber das ganze Klebeband gar nicht mehr ab, also zog ich mir einfach ein weites T-Shirt an und ging in die Küche. Vater lag bewusstlos am Boden. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen, blutete aber nicht.
„Er muss sofort ins Krankenhaus“, sagte Mutter.
„Ich rufe einen Krankenwagen.“, sagte ich dann. Aber hatte ich das Telefonkabel nicht auch schon verbaut. Tatsache, das Telefon war ohne Kabel. „Geht nicht!“, rief ich Mutter zu. „Wir müssen ihn mit dem Auto ins Krankenhaus bringen.“
Mutter konnte nicht fahren, außerdem war jetzt eine Notsituation, also beschloss ich selbst den Wagen zu steuern, Vater hatte den Schlüssel ja in der Tasche. Ich rannte schon mal runter, um zu schauen, wo der Wagen stand. Mutter hatte Vater solange in eine dicke Decke gerollt. Wir schliffen ihn gemeinsam zum Fahrstuhl.
„Und was ist mit der Schule?“, fragte ich Mutter.
„Das geht heute nicht! Siehst du nicht, dass Vater stirbt!?“
Natürlich sah ich, dass Vater starb. Was dachte sie denn?
Irgendwie mussten mir hinten noch ein Paar Kabel aus der Hose gehangen haben, das merkte ich aber erst, als wir Vater im Fahrstuhl hatten und das Ding nach unten fuhr. Es zog erst ganz heftig und dann: „RISCHSCH“ , riss es ab. Es hatte mich fast bis zur Fahrstuhldecke geschleudert.
„Was machst denn du, Sohn?“
Oh man, dachte ich, was für ein Tag. Wir räumten Vater ins Auto und ich startete den Wagen und fuhr los. Sicherheitshalber nahmen wir ein paar Schleichwege, am Kanal entlang, durch die Gartenanlage, durch den grpßen Park.
„Da ist es ja endlich!“, rief Mutter.
„Ich fahr lieber von hinten ran.“, sagte ich.
Vater war immernoch bewusstlos. Es sah so aus, als würde er auf der Rückbank schlafen.
„Zur Seite!“, rief Mutter, als wir ihn in die Notaufnahme zogen. Der Arzt wollte dann sofort wiederbeleben. Vater wurde auf eine Liege getan und reanimiert. Mutter und ich nahmen im Wartebereich Platz.
„Mutter“, sagte ich, „ich möchte heute noch unbedingt in die Schule.“
„Du magst doch sonst nicht hingehen!“, sagte Mutter. „Willst du noch abwarten, ob Vater wieder zu sich kommt?“
Sie hatte ja Recht, aber ich hatte andere Pläne. „Na gut.“, sagte ich widerwillig.
Vater kam dann zu sich. Er musste aber noch länger im Krankenhaus bleiben. Die Gehirnblutung ließ sich nicht gleich stoppen.
Am nächsten Morgen wollte ich gleich noch vor dem Frühstück, in die Schule. Als ich dort ankam, war alles voller Polizisten.
„Du kannst wieder nach Hause gehen. Heute ist keine Schule.“, sagte mir einer der Beamten, die hinter einer weitläufigen Absperrung standen. „Gestern ist etwas schreckliches vorgefallen!“
Erst als ich wieder zu Hause war und die Zeitung las, erfuhr ich davon. Einder der Achtklässler war Amog gelaufen, wahrscheinlich einer aus der Parallelklasse. Prima, dachte ich, toll.

rasputin s. rache

Der Absender des Briefes war die Guthsmutsstraße. Wer will, kann mir noch eine Geschichte schicken.


3 Antworten auf “Der verpasste Tag”


  1. 1 kojack 11. September 2007 um 20:17 Uhr

    hi, schau mal würdedir gerne auch einen brief mal schreiben per schreibmaschine. wird bestimmt demnächst auch was
    http://aergernis.blogsport.de/2007/07/06/guts-muths-strasse-47/

  2. 2 Administrator 13. September 2007 um 12:06 Uhr

    yeah, freu mich schon drauf!
    und: wer briefe schreibt bekommt auch welche!

  1. 1 Auf ins Schreibmaschienen-Café « ärgernis Pingback am 31. Januar 2009 um 12:18 Uhr
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