Archiv für Juli 2007

Amsterdam

So schnell kann es gehen. Vor drei Tagen haben mich zwei Genossen gefragt ob ich mit nach Amsterdam kommen will und jetzt bin ich da. Ich sitze im Coffee Shop „Abraxas“ und es laeuft nervige Reggae Musik und bescheuerter Psychedelic Kram. Es ist krass wie sehr sich die Stadt auf Touristen eingestellt hat und dieses staendige Angebot und die Werbung von Kiffe nervt wirklich. Naja meine beiden Genossen sind scharf drauf. Ich will mal wieder gucken ob ich Spuren von der Kuenstlergruppe „Cobra“ (COpenhagenBRuesselAmsterdam) finde. Bis jetzt erfolglos. Dafuer haben wir eine anstrengende aber lustige Nacht unter freiem Himmel hinter uns. Mal sehen ob wir ein squat finden wo wir pennen koennen. Bis dahin….

Wir haben es doch schon immer gesagt

Gestern las ich auf dem Bildschirm im Leipziger Hotel „Kosmos“, wo ich eine grandiose Party besuchte, folgende Schlagzeile aus der Netzeitung:

Französischer Beamter lebt mit winzigem Hirn

Ein Familienvater hat Aufsehen unter Medizinern erregt: Sein Gehirn ist klein – weil es zu großen Teilen hohl ist. Der Mann arbeitet für den Staat.

Gefunden hier.

Der Größte Schmach den ich je gesehen habe

sind diese Münzen. Ich finde das ist eine bodenlose Frechheit.

Gefunden hier

Ein Lob dem Tourismus

Ich habe bereits von meinen Problemen erzählt, die ich habe weil ich in einer Kulturstadt lebe. Doch so sehr einen die dämlichen Touristen auch nerven, die bis zum erbrechen „Herder und Wieland“ schreien aber nichts vom „Kongress der Konstruktivisten und Dadaisten“ wissen, so eignen sie sich doch als hervorragendes Ziel mancher Späße.
Als ich also am letzten Wochenende in Geldnot war und den örtlichen Brunnen nach Geld abgetaucht war, konnte ich nicht anders als nass und nackt durch die Touristengruppe durchzurennen, die sich gerade in der Nähe aufhielt.

Eitentlich wollte ich nur dieses Lied hier posten:

New Wave Country

New Wave muss sein – Das redet sie mir ein
Die ganze Szen‘ ist tierisch drauf – das muss das schärfste sein!

Guts-Muths-Straße 47

Meine ganze Reise scheint von Buchstaben überschattet zu sein. Nachdem ich vorgestern bei diesem Referat gewesen bin, habe ich endlich einen sehr guten Freund von mir gefunden.

Schreiben

Dieser macht in der Guts-Muths-Straße 47 in Leipzig ein Schreibmaschinen-Café. Im Eingangsbereich des Cafés stehen in einem Regal zahlreiche Schreibmaschinen, die mensch sich zum schreiben mit in das Café nehmen kann. Jeden Mittwoch Abend ist das Café dann geöffnet und es werden Schreibmaschinen-Sessions gemacht. Das heißt, dass sich die Leute zusammensetzen und schreiben, dabei ein Getränk zu sich nehmen, sich austauschen, reden, abgucken und sich von der Umgebung inspirieren lassen. Oft finden auch spontan Schreib-Sessions statt.

lesen

Nachdem wir uns also gestern begrüßt, über die alten Zeiten geredet und uns eine klitzekleine Katze angeguckt hatten, haben wir das Café aufgemacht. Ich habe mir einige der Kurzgeschichten, Gidichte und Prosa-Gedichte durchgelesen, die in dem Café entstanden sind und in Ordnern gesammelt werden und mir war, als würde ich Zeuge einer Wiederbelebung des Situationismus geworden sein. Absolut grandios. Wer Zeuge des wahren Geistes der Poesie werden möchte, der sollte die Guts-Muths-Straße 47 besuchen.

reden

Auch insgesamt scheinen die Leute, die die Guts-Muths 47 bewohnen sehr experimentierfreudig zu sein. Und so war es, als würde ich seit langem wieder einmal aus meinen bürgerlichen Angewohnheiten herausgeworfen werden, hinein in ein Experiment, welches Asger Jorn Hasard nannte.
Ich habe dort auch einen Namensbruder kennengelernt und ohne dass wir uns lange unterhalten haben, war uns beiden irgendwie klar, dass wir uns sehr mögen. Sowas habe ich glaube ich noch nie erlebt.

Das interessante ist, dass sich die Guts-Muths-Straße in einem Viertel befindet, welches (vorsichtig ausgedrückt) nicht sehr wohlhabend ist. Deshalb ergibt sich im Publikum des Cafés eine spannungsvolle Mischung. Ein gewagtes Experiment. Leider treiben sich in der Gegend auch ziemlich viele Faschos herum. Das Schreibmaschinen-Café war bereits ziemlich oft Opfer von Nazi-Angriffen, zeitweise haben die Faschos das Café jeden Abend angegriffen. Besonders krass war es nun für mich zu lesen, wie die Angriffe in den Texten verarbeitet wurden…

Wie versprochen, wollte ich auch herausfinden, von wem das zweite Lied ist. Der Typ nennt sich Sturi und ist ein guter Freund von dem Freund von mir, der das Lesecafé macht. Absolut Punkrock!

Absolut Punk wird auch die Veranstaltung sein, die heute Abend in der Guts-Muths 47 stattfinden wird. Es wird eine Lesung geben (der Autor wird auf einem Stuhl auf einem Ofen sitzen) und anschließend wird diese wunderbare Band spielen.

Leider werde ich nicht dabei sein können, die Zeit war viel zu kurz. Aber ich werde mit viel Inspiration und dem festen Entschluss meine Olympia zu reparieren in meine Kulturstadt zurückkehren. Ich habe bereits mein Zeug zusammengepackt und werde jetzt in Richtung Autobahn loslaufen. Town of Boredom, ich komme…

Lernt die Bewegung konstruieren

Die Konsruktion. Konstruktion der Wörter, der Lautformen, des Erzählens, der Gesten und – der Tradition zuwiderlaufend – Konstruktion des Rythmus. Bisher ist der Rythmus in der Vorstellung der ‚Hohepriester‘ und der ‚Betenden‘ immer mit einer Naturgewalt (Orkan, Wind, Meer usw.) gleichgesetzt worden. Ein offensichtlicher Unsinn. Der Rythmus in der Kunst beginnt da, wo erstmals das Naturhaft-Ungeregelte im Namen der Präzision und das Chaos zugunsten der der Organisation überwunden werden. Die Naturgewalt ist für den Meister (…) lediglich Baumaterial.

Aus: Ilja Ehrenburg: Und sie bewegt sich doch

Bauhaus Dessau

Drei Geschichten

Auch wenn das Reisen einen in aufreibende Umstände hineinwirft, ist es wie eine Aspirin für Kopf und Seele. Und mensch nimmt Geschichten mit. Drei davon:

1. Ein kleines Dorf, jeder kennt jeden. Kaffeetrinken auf der Terasse vorm Haus der Familie, der die Reproduktion erfolgreich gelungen ist. Ein alter Mann fährt mit dem Fahrrad vorbei. Er bleibt stehen, schaut in Richtung der herangreisten Familienmitglieder. „Alles klar?“ Alles klar. Er fährt weiter und ich erfahre seine Geschichte. Er hatte eine harte Kindheit (wenn überhaupt eine), sein Vater ein Menschenquäler, wohlhabend und gute Stellung im Dorf, übliche Bestrafungsmethode: Hand in den Ofen halten. Eines Tages findet die besagte Person zusammen mit ihrem Bruder, den Vater aufgehangen im Schuppen. Die beiden können sich nicht halten vor Freude über die Erlösung, aus Freude jubeln sie und schaukeln ihren Vater hin und her. Anschließend gehen sie in die Dorfkneipe, feiern den Tod ihres Vaters, geben Runden aus und betrinken sich. Seit dem ist die besagte Person verrückt. Die Dorfgemeinschaft akzeptiert ihn trotzdem und hilft ihm, in dem er überall mal arbeiten darf um somit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So wird er nun als Gelegenheits-Jobber von Hand zu Hand gereicht. Er sagt, dass er eine Frau hat. Und auch im Dorf glaubt mensch, dass er eine Frau hat. Doch diese wurde seit zehn Jahren nicht gesehen. Er erzählt, dass sie eine Hautflechte am ganzen Körper hat und deshalb nicht raus kann…

2. Ein Punkermädchen, im Rucksack zwei Frettchen. Sie ist betrunken und mit anderen Straßen-Punks in der Innenstadt unterwegs. In ihrer Betrunkenheit läuft sie gegen eine Schaufensterpuppe, die vor einem Friseursalon steht. Dabei bricht der Arm der Figur ab. Als sich das Mädchen orientieren will, fragt sie sich wo die Frettchen sind und sieht, dass sie auf der Puppe herumklettern. Ein Frettchen kriecht durch das Loch, wo vorher der Arm gewesen ist, klettert in der Puppe herum. Das Punker-Mädchen bekommt einen Nervenzusammenbruch…

Frettchen

3. Mormonen können, im Gegensatz zu Katholiken, wenn sie Mitglied einer Gemeinde ihrer Glaubensrichtung sind, selber Wasser weihen. Jeder Mormone kann also selbst Wasser weihen. Wenn Mormonen eine Taufe vornehmen, dann wird ein ganzer Swimming-Pool geweiht, damit die betroffene Person im Ganzen in das heilige Wasser getunkt werden kann. So sind die Mormonen auch äußerst verwöhnt und haben luxuriöse Trinkgewohnheiten: Auch Trinkwasser wird öfters einfach geweiht. Was wäre wenn die Mormonen lustig wären und Streiche spielen würden? Was wäre, wenn sie beispielsweise einfach mal den Nil weihen würden?

Verlasse die Stadt im Krieg

Ob Dadaisten, Konstruktivisten, Lettristen, Situationisten, Futuristen, die Russichen Avantgardisten oder das Bauhaus, in einem waren sich die meisten Avantgarden des 20. Jahrhunderts einig (und wenn sie sich auch noch so verbittert gegenseitig zu widerlegen versuchten): Es liegt eine unheimliche Wichtigkeit in der Konstruktion der oder des Buchstaben.

Doch was wenn die Ordnung der Buchstaben zum System wird und eine bestimmende Macht sie verfremdet?

Und was wäre, wenn die Buchstaben gar selbst miteinander im Krieg lägen?

Ich weiß es nicht. Und ich weiß nicht einmal wie dieser Mensch heißt, der dieses zweite Lied geschrieben hat. Ich werde es in Leipzig herausfinden. So hebe ich fragend meinen Hut und grüße die Stadt – Bis zum nächsten mal!