Danke, Wind

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Die Kunst ist…

ok: besser

… 666 …


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Das große Thier

Die bereits jetzt schon gerüchte-umwobene, neue Zeitschrift »Das große Thier« wird in Kürze in einigen Städten als Printprodukt vorliegen und findet dann auch hier eine Web-Präsentation. Bis dahin kann man hören, was uns erwarten wird:

Verfassungsschutz auflösen!

Mit jedem De­tail, das über die Mord­se­rie durch Nazis der letz­ten Jahre ans Licht kommt, stellt sich mehr die Frage nach der Rolle der bun­des­deut­schen Be­hör­den, spe­zi­ell des Thü­rin­ger Ver­fas­sungs­schut­zes, im Netz des rech­ten Un­ter­grun­des. Re­la­tiv un­um­strit­ten ist, dass der Thü­rin­ger VS in der An­fangs­zeit seine Fin­ger mit im Spiel hatte: 200.​000 DM er­hielt Ende der 1990er Tino Brandt, da­mals Schnitt­stel­le zwi­schen NPD und Frei­en Ka­me­rad­schaf­ten. Mit dem Geld baute er den Thü­rin­ger Hei­mat­schutz auf, in dem auch Uwe Mund­los, Uwe Böhn­hardt und Beate Zschä­pe aktiv waren. Brandt war nicht der erste, der Be­hör­den­mit­tel für Na­ziz­we­cke ein­ge­setzt hat: Ein Jahr vor ihm flog be­reits auf, dass der Nazi Tho­mas Dien­el aus VS-​Mit­teln eine Kam­pa­gne gegen den an­ti­fa­schis­ti­schen Ge­werk­schafts­se­kre­tär An­ge­lo Lu­ci­fe­ro be­zahlt hatte. Andre Kapke er­hielt 1997 23.​000 DM Exis­tenz­grün­dungs­hil­fe aus dem Thü­rin­ger So­zi­al­mi­nis­te­ri­um für ein rech­tes Zei­tungs­pro­jekt. Un­klar ist, wie viele In­for­ma­tio­nen vom VS in Rich­tung der Nazis ge­flos­sen sind. Fakt ist, dass Mund­los, Böhn­hardt und Zschä­pe er­staun­lich leicht un­ter­tau­chen konn­ten und es nicht den Er­mitt­lungs­be­hör­den zu ver­dan­ken ist, dass sie wie­der ins Licht der Öf­fent­lich­keit ge­rie­ten. Dass nun be­rich­tet wird, dass bei min­des­tens einem der Morde an Mi­gran­tIn­nen ein Mit­ar­bei­ter des hes­si­schen Ver­fas­sungs­schut­zes an­we­send ge­we­sen sein soll und dar­über hin­aus eben die­ser Mit­ar­bei­ter wegen sei­ner rech­ten Ge­sin­nung in sei­nem Wohn­ort als „Klei­ner Adolf“ be­kannt ge­we­sen sei, ist das Sah­ne­häub­chen auf einer gan­zen Tor­ten­samm­lung von Skan­da­len, die sich nicht nur durch die selt­sa­men Schrul­len des 2000 ab­ge­lös­ten VS-​Chefs Ro­ewer oder die ver­fehl­te Po­li­tik der ver­ant­wort­li­chen Lan­des­re­gie­rung er­klä­ren las­sen.
Ge­heim­diens­te sind schon durch ihre An­la­ge als ver­deckt ar­bei­ten­de Struk­tur ein Wi­der­spruch zu De­mo­kra­tie und Trans­pa­renz. Ohne gründ­li­che Auf­ar­bei­tung von außen wird sich nie­mals klä­ren las­sen, was die 15% Spit­zel in der Füh­rungs­ebe­ne der NPD ge­trie­ben haben. Die rich­ti­ge For­de­rung ist des­we­gen heute nicht das Ver­bot der NPD, son­dern das, was schon un­mit­tel­bar nach den Skan­da­len um Tino Brandt und Tho­mas Dien­el ge­for­dert wurde: Thü­rin­ger Ver­fas­sungs­schutz auf­lö­sen. Für die Ab­schaf­fung aller Ge­heim­diens­te.

„Die Po­li­zei geht nicht von einem rechts­ex­tre­men Hin­ter­grund aus.“ Wir haben uns ge­wöhnt an die­sen Satz und er­in­nern uns auch daran, dass der Na­zi­mord in der Er­fur­ter Trift­stra­ße im Jahr 2003 zu­erst als Schlä­ge­rei unter Ju­gend­li­chen ab­ge­tan wurde. Dass aber über Jahre hin­weg Ge­wer­be­trei­ben­de mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund er­mor­det wur­den und Po­li­zei und Pres­se nichts bes­se­res ein­fiel, als über Schutz­geld­er­pres­sung und or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät zu spe­ku­lie­ren, ist ein Schlag ins Ge­sicht der Be­trof­fe­nen und be­weist nur aufs Neue, wie tief Ras­sis­mus in Staat und Ge­sell­schaft ver­wur­zelt sind. Dass auch wir An­ti­fa­schis­tIn­nen nicht das Aus­maß des­sen, was ei­gent­lich vor sich geht, er­kannt haben, ist be­schä­mend. Un­se­re So­li­da­ri­tät gilt den Op­fern und den Be­trof­fe­nen des täg­li­chen Ras­sis­mus und un­se­re po­li­ti­sche Pra­xis muss sein, noch mehr und noch deut­li­cher da­ge­gen vor­zu­ge­hen. Gegen Ras­sis­mus, wo auch immer er sich zeigt: In Amts­stu­ben, Par­la­men­ten und Be­hör­den eben­so wie auf der Stra­ße oder im Be­trieb.

In den Me­di­en wird jetzt ein „Ver­sa­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes“ dis­ku­tiert. Das ist ohne Zwei­fel rich­tig. Aber die Blind­heit ge­gen­über rech­ter Ge­walt hat Sys­tem. Die Grün­dungs­zeit der Ber­li­ner Re­pu­blik ging mit einer Reihe bun­des­wei­ter Po­gro­me gegen Flücht­lin­ge ein­her, die von der Po­li­tik – „Das Boot ist voll“ – her­bei­ge­re­det und von der Po­li­zei – z.B. in Ros­tock-​Lich­ten­ha­gen – nicht un­ter­bun­den wur­den. In Wel­len wer­den seit­dem Nazis be­kämpft, immer genau dann, wenn ein her­aus­ra­gen­der Skan­dal ein Schlag­licht dar­auf wirft, wie gut die ex­tre­me Rech­te auf­ge­stellt ist: Dann gibt es Feu­er­wehr­po­li­tik und Pro­gram­me gegen Rechts. Ebbt die Em­pö­rung ab, wid­men sich die Si­cher­heits­be­hör­den wie­der den­je­ni­gen, mit denen sie so­wie­so we­ni­ger ver­bin­det und man bläst bren­nen­de Autos und an­ti­fa­schis­ti­sche Sitz­blo­cka­den zum Ter­ro­ris­mus auf. Der schon an­ge­spro­che­ne Na­zi-​Mord in Er­furt im Jahr 2003 macht deut­lich, wie viel man vom Staat im Kampf gegen Nazis er­war­ten kann: Eines der da­mals eben­falls an­ge­grif­fe­nen Opfer muss­te wegen Schwarz­fah­rens in den Knast, wäh­rend der Täter 2008 zu einer Be­wäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt wurde. An­ti­fa­schis­mus? Den müs­sen wir sel­ber ma­chen und des­we­gen gilt an­ge­sichts der Morde mehr denn je: Den an­ti­fa­schis­ti­schen Selbst­schutz or­ga­ni­sie­ren!

Kommt zur Kund­ge­bung am Sams­tag den 19. No­vem­ber um 14 Uhr in den Hirsch­gar­ten (bei der Staats­kanz­lei) nach Er­furt! [via]

Weitere Infos auf: sabotnik.blogsport.de

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken #3

Klar, wer „Kunde“ beim „Jobcenter“ ist, der muss sich fit halten, um das vielfältige Vermittlungsangebot wahrnehmen zu können. Deshalb wird man in der Arge Weimar am Aufzug darauf hingewiesen, dass Treppen laufen effektiver wäre. Wobei? Die engagierte Bürokratie kennt das Gleichheitsgebot und Gesundheit ist natürlich nicht nur im Interesse von HartzIV-Empfängern eine anstrebenswerte Sache, sondern im Interesse der Allgemeinheit – als betriebsinterne Aktion und der Grafik zufolge, ist der Aufruf an die MitarbeiterInnen adressiert:

Im Studentenkiez gentrifiziert man nicht ohne Stolz

Uni Jena, Semsterbeginn – Zeit für die Wohnungssuche. Wie gut, dass die extra aufgelegte Broschüre des Stura Jena darauf hinweist, wie wohnlich doch das studentische Leben im Plattenbau ist. Diese sind mit positiven Standortbezug dank der Elite von morgen nämlich schon gereinigt von „Bettlern, Landstreichern, Obdachlosen, Prostituierten, Zuhältern, Fürsorgeempfängern, Suchtkranken (z. B. Alkoholikern), Homosexuellen, Zigeunern und andere Unangepassten“ (so der Inhalt bis heute des Begriffes der Asozialen (wikipedia)).

[via kinky / bubizitrone]

KSR – aktuelle Veranstaltungen

Ich verweise hier auf das Interview, das ich der Sendung Reibungspunkt über Kunstautonomie und Avantgarde, sowie über die gegenwärtigen Veranstaltungen der Reihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ gegeben habe. Im Interview habe ich unzulässigerweise Kunst der Neuzeit und Moderne viel zu wenig voneinander differenziert – man möge es mir verzeihen, es war halt ein Interview:


[via]

Und damit verweise ich auf die nächsten KSR-Veranstaltungen:
23.10.2011 – Tagesseminar mit Martin Dornis zur materialistischen Theorie der Musik
27.10.2011 – Vortrag von Christopher Zwi über Sehen und Bildlichkeit in der Gesellschaft des Spektakels

Über Positivität in Religion und Philosophie

Anlässlich einiger Diskussionen über Religion und Religionskritik, die ich im Rahmen der Mobilisierung gegen den Papst-Besuch in Erfurt geführt habe, will ich hier einen kurzen, etwas älteren Text von mir zur Verfügung stellen, der vermutlich etwas formal geschrieben ist, aber hoffentlich deutlich macht: dass es sinnvoll ist, sich Hegel zuzuwenden. Der Text kann als Einleitung, Einführung gelesen werden – ansonsten empfehle ich sehr die Lektüre des besprochenen Textes „Glauben und Wissen“ von Hegel selbst.

Über Positvität in Religion und Philosophie

Hegels Kritik an der verkehrten Trennung von Vernunft und Religion in seinem Aufsatz „Glauben und Wissen“

Ob Hegel eine frühe „theologische Phase“ durchlaufen habe oder ob er in seinen Frühschriften als vehementer Religionskritiker auftritt ist bis heute eine mitunter heftig umstrittene Frage in der Hegelrezeption. Im Gegensatz dazu möchte ich hier anhand der Einleitung seines Textes von 1802 „Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie“ herausarbeiten wie Hegel zwar das bloße Sehnen des Glaubens nach Unendlichkeit als Unzulänglichkeit und letztlich als eine Verhaftung im Endlichen kritisiert, jedoch den bisherigen Aufklärern vorwirft in ihrer bloßen Entgegensetzung zur Religion den selben Fehler zu machen. Wenn der Philosophie des frühen Hegels ein religionskritisches Motiv zugrunde liegt, dann nur in der Weise, dass er den geschichtlichen Schritt, der sich in ihr äußert, zu würdigen weiß und anstatt sie einfach wegzuschaffen – ebenso wie die Philosophie – über sich hinaus treiben will und in diesem Sinne ihren Impetus zur Unendlichkeit ausdrücklich würdigt.

Am Beginn des Textes konstatiert Hegel, dass der Kampf zwischen Vernunft und Glauben inzwischen zu Gunsten der Vernunft entschieden gilt, sodass die Philosophie den Gegenstand der Religion nicht mehr ernst nimmt und sich über ihn erhaben dünkt. Er zieht jedoch in Zweifel, ob dieser Sieg der Vernunft tatsächlich gewonnen ist: „Es ist aber die Frage, ob die Siegerin Vernunft nicht eben das Schicksal erfuhr, welches die siegende Stärke barbarischer Nationen gegen die unterliegende Schwäche gebildeter zu haben pflegt, der äußeren Herrschaft nach die Oberhand zu behalten, dem Geiste nach aber dem Überwundenen zu erliegen.“ [S.287f]1 Schon in der Charakterisierung der Religion als zwar unterlegen, dafür aber gebildeter, macht deutlich, dass er an die Religion im Modus der rettenden Kritik herantritt. Er konstatiert, dass nach dem vermeintlichen Sieg der Aufklärung und mit der bloßen Entgegensetzung von Glauben und Vernunft, beide ihrer jeweils spezifischen Qualität beraubt werden: „Der glorreiche Sieg, welchen die aufklärende Vernunft über das, was sie nach dem geringen Maße ihres religiösen Begreifens als Glauben sich entgegengesetzt betrachtete, davongetragen hat, ist beim Lichte besehen kein anderer, als daß weder das Positive, mit dem sie sich zu kämpfen machte, noch daß sie, die gesiegt hat, Vernunft blieb und die Geburt, welche auf diesen Leichnamen triumphierend als das gemeinschaftliche, beide vereinigende Kind des Friedens schwebt, ebensowenig von Vernunft als echtem Glauben an sich hat.“ [S.288] In diesem Satz ist Hegels Stellung zu Religion und Aufklärung zusammengefasst: In der verkehrten Entgegensetzung von Vernunft und Glauben verbleiben beider auf einer Ebene – gewissermaßen in einer verkehrten und unbewussten Versöhnung – stehen. Ich möchte im Folgenden herausarbeiten warum a.) bei Hegel die Religion in Gestalt des Protestantismus eine Tendenz in die richtige Richtung darstellt, als solche jedoch befangen bleibt und warum b.) die Philosophie lediglich die Tendenz und mit dieser die Befangenheit der Religion bzw. des Eudämonismus weiter treibt, aber nicht über sie hinaus gelangt. (mehr…)

Die Aufhebung der Avantgarde

»Eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum.« [via]

So zitiert die Homepage des Transcriptverlags meine Rezension über das Buch »Situationistische InternationaleEintritt, Austritt, Ausschluss. Zur Dialektik interpersoneller Beziehungen und Theorieproduktion einer ästhetisch-politischen Avantgarde (1957-1972)« von Max Orlich, die in der aktuellen Ausgabe der Phase 2 zu lesen ist. So wirbt nun meine Rezension, die eigentlich ein Verriss der Dissertation von Orlich sein sollte, für dieses Machwerk akademischer Rekuperation. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil der Kürzungsprozess für die Kilby-Redaktion äußerst schmerzlich für mich war, stelle ich hier nun die ungekürzte extended-Version der Rezension zur Verfügung. Irgendwann soll auch ein Verriss der SI-Dissertation von Jörn Etzold folgen.

Die Aufhebung der Avantgarde

Die Situationistische Internationale gehörte von 1957 bis 1972 zu einer der radikalsten Gruppierungen derjenigen Bewegung, die es anstrebt, den jetzigen Zustand aufzuheben. Selbst hervorgegangen aus versprengten Resten der nach dem zweiten Weltkrieg verbliebenen Kunstavantgarde, richtete sich die S.I., ausgehend von Frankreich, gegen die Borniertheit der Künstler-Kreise und die Szene linker Polit-Spezialisten, um außerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs eine umfassende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu formulieren und ein Programm der Abschaffungen zu erarbeiten. Während die S.I. vor allem für einen gewissen Stil bekannt wurde, der sich etwa in der Herausgabe einer aufwendig gestalteten Zeitschrift oder in den bekannten Comic-Verfremdungen zeigte, war es jedoch eines ihrer vorrangigen Tätigkeiten, eine von Hegel ausgehende Theorietradition des Marxismus – jedoch nicht mehr als »ismus«– als Theorie der Praxis zu rekonstruieren und hiervon ausgehend eine Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« [Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967), dt. Berlin 1996] zu entwickeln. Deren Augenmerk ist besonders auf die Bildhaftigkeit kapitalistischer Warenproduktion und -konsumtion gerichtet, begreift das Alltagsleben als Hauptfeld der Auseinandersetzungen, richtet sich zentral gegen das Prinzip der Repräsentation, setzt sich intensiv mit Zeitstrukturen und Geschichtsschreibung in der Warengesellschaft auseinander und widmet sich der Ordnung des urbanen Raums als einem wichtigen Aspekt der Disziplinierung und Zurichtung rund um die Lohnarbeit und ihre Reproduktion. In ihrer Ablehnung des Staatssozialismus und mit ihrer gnadenlosen Kritik des Marxismus-Leninismus kann die S.I., neben Adorno/Horkheimer in Deutschland, Georg Lukács in Ungarn und den rätekommunistischen Zusammenhängen in den Niederlanden, zu einem der wichtigsten Stränge kritischer Theorie gezählt werden. Da eines der Hauptprobleme der so verstandenen Ansätze kritischer Theorie, die, in voneinander noch isoliert gebliebene Abteilungen oder Parzellen getrennt, jeweils ihre Sehschärfen und blinden Flecken aufweisen (bei der S.I. am gravierendsten ihre Ausblendung von Antisemitismus, NS und Shoa, bei den anderen die radikale Kritik des Staats), jedoch bei ihnen allen das Verhältnis von Theorie und Praxis darstellt, lohnt es einen Blick darauf zu werfen, wie die S.I. dieses Vermittlungsproblem selbst praktisch zu lösen suchte.

Im Transcript-Verlag ist nun eine Arbeit erschienen, die sich zentral mit der Gruppenpraxis der S.I. in ihren verschiedenen Phasen auseinandersetzt. Max Jakob Orlich legt hier ein Buch vor, das mit über 600 Seiten wohl eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum darstellt. In seiner Dissertation, der er eine nützliche Zusammenfassung des bisherigen internationalen Stands der Forschung zur S.I., eine ausführliche Darlegung seiner methodischen Herangehensweise und eine brauchbare Einführung in die Begriffe der S.I. voranstellt, widmet er sich in mehreren Schritten vor allem der organisatorischen und zugleich personellen Gruppenstruktur der S.I. im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Einzigartig dürfte bisher der Versuch sein, die Wechselbedingtheit dieser Theoriebildung einerseits und der Dynamik der Gruppenstruktur andererseits mit solcher Akribie zu rekonstruieren. Ein Gesamtbild dessen, wer die SituationistInnen tatsächlich waren, wie sie miteinander umgingen und wie sie ihre Theorien ausfochten und eine ihr entsprechende Praxis suchten, lag bisher derart mikrologisch-übersichtlich in einer kompakten Buchdarstellung nicht vor. (mehr…)

Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.

Im Mai-Programmheft von Radio Corax ist die schriftliche Version eines Gesprächs über Fukushima und das Atomzeitalter erschienen, das ich im März mit Roger Behrens geführt habe (und das inzwischen im Audioarchiv dokumentiert ist). Das Gespräch kann hier online oder als PDF gelesen werden oder untenstehend im html-Modus. (mehr…)

Vom Scheiternd er Sprache #8

Hiermit verweise ich auf meinen kürzlich bei Beatpunk erschienenen Text über Nietzsches Sprachphilosophie: vom Scheitern der Sprache. Der Artikel war ursprünglich als Beitrag zur Sprachdebatte (hier, hier, hier, hier und hier) im Conne Island Newsflyer Cee Ieh konzipiert, in der Zwischenzeit hat sich jedoch die alte Redaktion aufgelöst (ein neues Zeitungsprojekt befindet sich zur Zeit in Gründung). In der Zwischenzeit ist außerdem ein lesenswerter Text zur Sprache von Magnus Klaue erschienen: Die Bauchredner des Affekts.

Notizen

■ In Erfurt hat kürzlich ein unterstützenswertes Laden-Projekt mit dem Namen „Veto“ eröffnet (Pressemitteilung), das gleich zu mehreren Veranstaltungen im Rahmen der „Hände-hoch-Haus-her“-Tage lädt.

■ Zu einem Vortrag zur Kritik der realexistierenden Demokratie laden das BiKo und die Offene Arbeit Erfurt am 07.04. ab 20:30 Uhr – Link.

■ Außerdem gibt es am 12.04. ab 18:00 Uhr einen Vortrag über „Leben ohne Staat und Arbeit – bolo-bolo, eine Utopie“ im Predigerkeller in Erfurt. [Ich habe kürzlich hier einen Text von p.m. – dem Autoren des Buches „bolo-bolo“ – dokumentiert.]

Willy, Willy, merry me!

Wir freuen uns auf die Hochzeit – Katzenpunk, wow:

Ernst Bockelmeyer über Atomkraft

Fukushima und das Mittel zum Zweck

Hannah Arendt beschreibt im ersten Kapitel ihres Essays „Macht und Gewalt“, wie nach dem zweiten Weltkrieg eine ganze Generation mit der Erfahrung aufwächst, dass der Fortschritt – also ein Fortschritt der Wissenschaft, der Technik und der Produktion – nicht in erster Linie einen Reichtum an individuellen oder kollektiven Handlungsmöglichkeiten schafft, sondern dass dieser Fortschritt „in mancherlei Hinsicht das Leben auf der Erde katastrophal bedroht (…)1“. Sie demonstriert dieses Gefühl einer Generation, in dem sie auf die Fragen „Wie soll die Welt in fünfzig Jahren aussehen?“ oder „Wie möchtest Du, daß Dein Leben in fünfzig Jahren aussieht?“ die fiktiven Antworten gibt: „Voraußgesetzt, daß es dann noch eine Welt gibt“ oder „Vorausgesetzt, daß ich dann noch lebe2“. Dieses katastrophische und perspektivlose Lebensgefühl manifestierte sich in unterschiedlicher Form in allen gesellschaftlichen Bereichen: die Philosophie musste sich mit der Möglichkeit der Vernichtung alles menschlichen Lebens auf der Erde auseinandersetzen, der dystopische Roman etablierte sich als literarische Form der Auseinandersetzung mit der Möglichkeit einer katastrophischen Zukunft und die Perspektivlosigkeit angesichts des drohenden Gefahrenpotentials schlug sich in einer Reihe von Subkulturen nieder, allem voran im Punk mit seiner Parole „There is no future“. Dieses Katastrophengefühl einer ganzen Generation hatte vor allem einen Anlass: die militärische und zivile Nutzung der Kernenergie. Konkret waren dies die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, die atomare Aufrüstung und Atomwaffentest im Zuge des kalten Krieges und schließlich die Reaktorunfälle in Harrisburg 1979 und in Tschernobyl 1986.

Ich selbst habe dieses Katastrophengefühl nur vermittelt erlebt – über Erzählungen, sowie über kulturelle Manifestationen, etwa den Punk der 80′er Jahre. Doch dieses Gefühl war für mich selbst nie real – auch wenn ich mir bald über die Gefahren der Nutzung von Kernenergie bewusst wurde und selbstverständlich den Einsatz von Atomwaffen ablehnte, waren die Möglichkeiten des Supergaus oder eines die Menschheit gefährdenden Militärschlags nie zentraler Bestandteil meines Lebensgefühls und ich glaube, dass dies ebenso wenig bei einem Großteil meiner Generationsgenossen der Fall gewesen ist. Man könnte meinen, dass die Menschen gelernt haben mit der Möglichkeit der absoluten Vernichtung zu leben. Die Katastrophe ist aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Die Möglichkeit der Katastrophe selbst ist hingegen objektiv in keinem Augenblick verschwunden: nach wie vor spielen Atomwaffen international eine entscheidende Rolle im Machtgefälle, nach wie vor sind weltweit über 200 Atomkraftwerke in Betrieb, nach wie vor kann niemand die Folgen im Falle eines Unfalls abschätzen. (mehr…)

Atomstaat, Ökostaat

Die Berichterstattung über das Atom-Unglück in Fukushima, die Einschätzungen der Spezialisten, sowie die eigenen Versuche der kritischen Theoretisierung der Katastrophe, erscheinen als der hilflose Versuch einer Rationalsierung von etwas, das man nicht einschätzen kann, dessen Folgen nicht absehbar sind. Günther Anders bringt dies auf den Punkt, wenn er meint, dass die Nutzung der Kernenergie die Ding-Kategorie, sowie jede Zweck-Mittel-Konstellation vollständig aushebelt. Seine Texte, vor allem über die militärische Nutzung der Atomkraft, haben seit Ihrem Erscheinen nicht an Aktualität verloren – und sie beschrieben schon damals den Hohn der jetzigen staatsmännisch kalkulierenden und taktischen Debatte über den Atomausstieg:

Günther Anders: Gebote des Atomzeitalters (1957)

Ein polemischer Schlag gegen diejenigen, die jetzt von der Katastrophe profitieren und sich mit erhobenem Zeigefinger an den taktischen Diskussionen beteiligen, ist der „beste [mittlerweile von den Indymedia-Moderatoren versteckte, Anm. Æ] Indy-Beitrag seit langem“ (Nada):

Kommando de Sade: Eine Verarbeitung in neun Punkten zur Unfähigkeit der kritischen Massen das Elend der Menschen in Japan und anderswo zu reflektieren

Ebenfalls mit einem Bezug auf Günther Anders setzte sich Roger Behrens schon Ende des letzten Jahres in einem Artikel mit der Geschichte der Atomkraft und ihrer Gegner auseinander und argumentiert dort gegen die Unterscheidung von ziviler und militärischer Nutzung der Atomkraft, sowie von Atomstaat und Ökostaat:

Roger Behrens: Steinzeit? Nein Danke!

Durch die Ereignisse in Japan und die darauf folgende Diskussion in Deutschland musste ich wieder an einen Text denken, der Anfang der 90′er Jahre in einer kleinen autonomen Zeitung („Projekte Utopie. Info 4″) erschienen ist. Es handelt sich um eine Streitschrift von P.M. (libertärer Kommunist, utopistischer Romanautor und Historiker) zur Kritik der Öko-Linken, in dem er sich damit auseinandersetzt, wie wenig der Öko-Staat einer Alternative zum „Beton/Blech/Atomstaat“ ist. Auch wenn der Text einige Seltsamkeiten enthält, finden sich in ihm doch treffende Beobachtungen, die erstaunlich aktuell sind. Ich habe den Text zur Dokumentation abgeschrieben. Den praktischen Teil, in dem die Bolos (kleinere, kommuneartige „organische Gemeinschaften“) als Alternative zum Öko-Staat vorgestellt werden habe ich rausgelassen, da hier P.M. trotz seiner ziemlich passenden Kritik an der Linken, zum Teil einige ihrer gruseligen Aspekte weiter trägt (auf die Formung neuer kultureller Identitäten, „z.B. in einem Quartier“, habe ich dann doch keine Lust):

Gegen den Ökostaat

- Für ein Netz selbstbestimmter Gemeinschaften -

(Ein Beitrag von P.M. Zunächst veröffentlicht in der schweizer Zeitschrift „Alpenzeiger“)

Seit die Industriezivilisation spürbarer an die ökologischen Grenzen gestoßen ist, hat der ‚Fortschritt‘, auf den auch die Linke gesetzt hat, viel von seinem Glanz verloren. Es ist nicht mehr möglich, auf die vom Klassenkampf vorangetriebene „Entfaltung der Produktivkräfte“ zu hoffen, die trotz des irrationalen Kapitalsystems so viel Überfluss schaffen würde, daß die Fessel des Leistungs/Lohn-Systems sozusagen von selbst zerbrechen müsste. Das Kapital wird nicht im eigenen Überfluss ersaufen, weil der Planet ein Gleichgewichtssystem ist, das nicht alles erträgt. Ging es ursprünglich darum, „gesellschaftlichen Reichtum“ zu erobern, so hat sich die Linke bald auf den Ausweg des gesteigerten individuellen Konsums (Wohlstand, Wohlfahrt, „staatlich garantierte sozialistische Kleinfamilie“) eingelassen.

Die Weichen zu dieser Entwicklung wurden verhältnismäßig früh, etwa vor 100 Jahren gestellt. Der Kampf um kommunitäre Selbstorganisation der Arbeiter wurde aufgegeben und durch einen gewerkschaftlich/politischen verdrängt – manchmal gegen den Widerstand der Arbeiter. Die sog. „Utopien“ sind nicht von selbst gescheitert, sie wurden von der Linken geopfert, um ins politische Spiel eingelassen zu werden. (Selbst Marx war in diesem Punkt nicht ganz klar. In seiner beißenden Kritik des „Gothaer Programms“ zeigt es sich, dass er für eine Identifikation von Sozialismus und Staat nicht viel übrig hatte. Im Gegensatz zu Lenin hielt er auch die Entfaltung der russischen Obschtschinas – bolos – zu kommunistischen Gemeinschaften für möglich.) Seit dieser Weichenstellung jedenfalls ist die Linke in der Rolle des ewigen Sparring-Partners des Kapitals geraten und drehen sich die inneren Linienkämpfe nur noch um die Methoden dieses Boxmatches: Soll man mit (Reformismus) oder ohne (Leninismus, bewaffneter Reformismus) Handschuhe kämpfen. In diesem Zusammenhang tauchte die verhängnisvolle Illusion des „revolutionären Gebrauchs der Form Staat“ auf. Die Diktatur des Proletariats war sicher eine gut gemeinte und sehr demokratische Idee (90% herrschen über 10%). Lenin war aufrichtig, als er den Staat einfach so machen wollte, dass jede Köchin ihn mitmanagen konnte. Denn auch wenn uns Köchinnen, Gärtner und Fräser als olitisches Personal sympathischer sind als Unternehmer, Adelige und Professoren und auch ihre Kompetenz sicher höher ist, so bleibt doch die Tatsache, dass sie als „Einzelbürger“ ohne Hausmacht auftreten, also den organisatorischen Bürokratien (Partei, Gewerkschaft etc.) auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bleiben. Damit eine Klasse herrschen kann, braucht sie innere Disziplin (kein Problem für die in „großen Familien“ organisierte und zahlenmäßig überschaubare Bourgeoisie) und die Erfordernisse dieser Kohäsion müssen alle kommunitären Lebensformen zerstören. Die proletarischen Diktatoren blieben so gesellschaftlich schnell „allein“ und mussten sich folglich immer mehr auf die entfremdeten Machtorgane der Staatsmaschine (Polizei, Armee) stützen. Statt dass die Köchin sich mit den Bauern (Lebensmittelzulieferer) und Essern organisiert, sitzt sie bald allein im Büro und muss – sicher gegen ihre Willen – die Polizei rufen, um Lebensmitteldiebe zu fangen. Der Braten wird nicht zum Anlass von selbstbestimmter Gesellschaftlichkeit (wer isst mit wem in welcher Ambiance?), sondern zu einer Aufgabe anonymer Verteilung eines idealen (und darum immer defekten) Versorgungsstaates. Was entsteht ist kaum mehr als eine vituelle Aktiongesellschaft aller Arbeiter, die durch die Form Staat sich selbst gegenüber das Kapital reproduzieren und repräsentieren. Die Arbeiterklasse spielt mit sich selber Schach – und das macht keinen Unterschied, denn Kapitalismus ist nicht eine Frage des jeweiligen historischen Personals.
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Freunde

Ich habe neulich diese Aufkleber der Jenenser Gruppe „Freunde der Differenz“ in einem Hausflur gefunden:

… woraufhin ich das Bedürfnis bekam selbst eine Gruppe zu gründen, die sich nun stolz mit diesem Aufkleber präsentiert:

KSR-Veranstaltungen 2011

Die beiden ersten Termine des Programms der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ in diesem Jahr sind nun online:

»Es rette uns die Kunst!?«
Lukas Holfeld – 31.03.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Von René Descartes bis Immanuel Kant hat sich in der bürgerlichen Philosophie ein Denken durchgesetzt, welches Geist und Sinnlichkeit nur in absoluter Entgegensetzung auffassen kann: geistige Erkenntnis hat sinnlicher Evidenz zu misstrauen, Vernunft besteht in der Beherrschung jeder sinnlichen Natur. Doch die bürgerliche Philosophie reflektiert bald selbst, dass mit der Herabsetzung der Sinnlichkeit etwas nicht in Ordnung ist: Friedrich Schiller fasst in den „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ die Ästhetik als eine philosophische Disziplin, in der sich Sinnlichkeit und geistige Erkenntnis nicht gegenseitig zu zerstören trachten. Kunst ermöglicht hier einen entsprechenden Erfahrungsraum, in dem Sinn und Verstand spielerisch ineinander greifen. Von dieser Erfahrung und dem Ideal der Kunst ergriffen soll die Menschheit in ein besseres Zeitalter gelangen – so marschierten die deutschen Soldaten mit Goethe und Schiller im Handgepäck in den ersten Weltkrieg. Die Avantgardisten antworteten mit dem Vorhaben, die Kunst zerstören zu wollen. Der Vortrag möchte anhand dieser Geschichte der Kunst einige Überlegungen zum Verhältnis von Kunst, Kritik und Sinnlichkeit anstellen.

Kunst und Geschmack
Bersarin – Do, 21.04.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Der Begriff „Geschmack“ lässt sich in mehrfacher Wortbedeutung verstehen: einmal als Geschmack, welcher auf der unmittelbar sinnlichen Ebene funktioniert – also innerhalb unserer fünf Sinne in der Weise des Schmeckens als passives Vermögen – und als Geschmack in der Bedeutung der stil- und empfindungssicheren Beurteilung bzw. der distinktiven Wertung von aisthetischen und lebensweltlich begegnenden Gegenständen. Hier fungiert Geschmack als aktives Vermögen. Dabei fallen Kunstwerke als spezielle Objekte unter die zweite Bedeutung von Geschmack. Philosophie, Soziologie und die Ästhetik beschäftigen sich in der Regel mit diesem zweiten Aspekt, der dem Geschmack zugrunde liegt. Die Felder reichen vom Kantischen Geschmacksurteil, der Analyse subjektiver Empfindungen bzw. der Idiosynkrasien über den Dandy- und Bohème-Begriff des 19. Jahrhunderts, der Ästhetik Adornos, deren Fokus auf dem Kunstwerk selbst liegt, bis hin zur Konzeption Bourdieus, in welcher der Geschmack als Phänomen der sozialen Ab- und Ausgrenzung interpretiert wird.

Zunächst soll im historischen Rückgriff die Bedeutung aufgezeigt und ein skizzenhafter Überblick zum Geschmack sowie dem ihm innewohnenden emanzipatorischen Potential gegeben werden, das diesem Begriff in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zugrunde liegt. Geschmack konzipierte sich im 18./19. Jahrhundert als eine Möglichkeit von (bürgerlicher) Autonomie jenseits feudaler Fesseln und Reglementierungen und ist als Form der bürgerlichen Selbstvergewisserung auch parallel zum ästhetischen Moment zentrale Kategorie. Es kam diesem Begriff ein objektiver Gehalt zu, der sich unter spätmodernen bzw. -kapitalistischen Bedingungen kaum noch revitalisieren lässt und dort lediglich subjektiv konnotiert ist: Jenes „De gustibus non est disputandum“ gibt mittlerweile die (auch ästhetische) Ideologie des herabgesunkenen Bürgertums ab. Dieser verschüttete objektive Gehalt soll in seinen Grundzügen dargestellt werden, um von dort zur Gesellschaftstheorie sowie zur Ästhetik Adornos überzuleiten. In seiner Ästhetik erfährt der Geschmacksbegriff eine grundsätzliche Kritik, welche einerseits geschichtsphilosophisch, andererseits aber immanent ästhetisch motiviert ist.

Nachdem diese Kritik Adornos kurz dargestellt wurde, soll anhand seiner Ästhetik sowie der Gesellschaftskritik zur sinnlichen Komponente des Geschmacks als Schmecken übergeleitet werden. Dass diese erste Bedeutung des Geschmacksbegriffs genauso ein Feld für die Philosophie und Ästhetik abgeben kann – und dies jenseits der Restaurantkritik oder einer schlechten Unmittelbarkeit – zeigt etwa Prousts „Recherche“: Im Moment des Schmeckens, nachdem der Protagonist jene legendäre Madeleine in den Lindenblütentee tauchte und das Gebäck verspeiste, geschieht jener Vorgang, welcher mit dem Begriff der memoire involontaire verbunden ist. Im Schmecken, im Moment unmittelbarer Sinnlichkeit evoziert sich ein Anderes. In diesem Zusammenhang möchte ich Aspekte aus Detlev Claussens Aufsatz „Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens“ aufgreifen und die darin entfalteten Ansätze von Geschmack und Kritischer Theorie in den Zusammenhang mit Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ bringen. Denn auch in jenem letzten Teil der „Negativen Dialektik“ geht es um ein sinnliches Moment der Philosophie. Diesem kann zwar innerhalb einer Theorie kein Prius eingeräumt werden, da dialektisches Denken sich nicht auf eine Seite der Opposition schlägt, doch ist es im Rahmen von Kritischer Theorie auch nicht auszuscheiden. „Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral“, so schreibt Adorno in den „Meditationen“. Dieser Satz lässt sich zugleich im Hinblick auf die Philosophie insgesamt ergänzen, ohne dabei jedoch eine Philosophie der reinen Sinnlichkeit zu kultivieren. Es soll aufgezeigt werden, dass Adornos Philosophie jenes vielfach aus dem Kanon der Philosophie abgesonderte Moment der Sinnlichkeit durchaus aufnimmt. Dies zeigt sich neben den „Meditationen“ auch in seinen „Minima Moralia“ , sowie über die Begriffe des Impulses oder des Somatischen, um dadurch eine Passage hin zu einer Theorie unreglementierter Erfahrung zu öffnen.

Candide oder das Hoffen lernen

Hörspielabend und Gespräch nach einer satirischen Erzählung von Voltaire
17. Februar 2011 – Sächsischer Bahnhof, Gera – Erfurtstraße 19 – 19:00 Uhr
BaD / BiKo

Wenige Jahre nachdem der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz seine grundsätzliche Überlegung publiziert hatte, dass diese Welt trotz all ihrer Übel die beste aller möglichen Welten sei, wurde Lissabon von einem verheerenden Erdbeben zerstört, bei dem es zu 100.000 Toten kam. Dieses Ereignis verarbeitete der französische Aufklärer Voltaire in einer seiner bekanntesten Erzählungen „Candide oder der Optimismus“. Der optimistische Protagonist Candide wird in dieser Geschichte mit den grausamsten Übeln der Welt konfrontiert – und kann trotzdem nicht aufhören zu hoffen. Es handelt sich bei dieser Erzählung um einen satirischen Schlag gegen Leibniz und den Optimismus – in ihrer beißenden Ironie ist es eine Klage gegen vermeidbares Leiden und eine Polemik gegen die unkritische Genügsamkeit der Philosophen.

Nach einer kurzen Einleitung zu Voltaire und dem Verhältnis von Optimismus, Pessimismus und negativem Denken wollen wir eine Hörspielbearbeitung von „Candide oder der Optimismus“ hören und anschließend darüber diskutieren.

via BiKo



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